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Wie schreiben Bestsellerautoren? – Wladimir Kaminer

Kaminer: „Mein Schreibtisch sieht wie ein Müllberg aus“

Wir haben bei Bestsellerautoren angeklopft und geben Einblicke in die Kreativitätsstätten erfolgreicher Autoren. Diesmal: Wladimir Kaminer.




Mein Schreibtisch sieht wie ein Müllberg aus. Der Tisch ist voll mit Büchern, die gelesen werden müssen, mit Platten, die gehört werden wollen, mit Briefen, die nicht abgeschickt oder noch immer nicht beantwortet sind, vor allem aber mit Gegenständen, die mir gar nicht gehören, weil mein Arbeitstisch von meiner Familie nicht als mein Arbeitstisch wahrgenommen wird. Der Tisch ist ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt in der Wohnung, alle benutzen diesen Tisch. Mein Sohn schreibt daran seine wissenschaftlichen Arbeiten, damit ich sie schnell redigieren kann. Nicole, meine Tochter, bestellt dort ihre Literatur. 

Es ist ein außergewöhnlicher Tisch, es ist ein fahrbarer Stehtisch. Er fährt rauf und runter und wird hauptsächlich als Stehtisch benutzt. Ich finde es besser, im Stehen zu schreiben. Schreibtischstühle auf Rollen lenken ab, weil sie zu beweglich sind. Ich habe dort keine Ruhe. Ich kann unter Umständen eine kurze Kolumne schreiben, die kriege ich hin, aber für eine längere literarische Arbeit ist das schwierig. Das geht eigentlich gar nicht.

Das Hotel ist ein guter Platz, um zu schreiben, noch besser ist der Zug. Eigentlich brauche ich ständige Ablenkung, damit es funktioniert. Der Zug ist das Ideal. Zweieinhalb bis drei Stunden Fahrt sind wunderbare Schreibzeiten, weil es für mich irgendwann wie Musik wird. 

Ich habe einen Laptop, der aus Edelstahl gemacht ist. Der ist zwar schwer, aber dafür sehr robust. Da kann man draufhauen und es kann nichts passieren. Man muss damit nicht vorsichtig umgehen, man kann damit auch Nüsse knacken.

Ich habe schon alles Mögliche ausprobiert. Ich benutze Zettel, auch Diktiergeräte. Das Problem beim Schreiben bleibt aber dasselbe: Ich kann es nicht unter Kontrolle halten. Ich kontrolliere meinen eigenen Beruf nicht. Das ist eine ziemlich akute Situation!

Man kann mit der Zeit lernen, wie man eine gute Geschichte zu Papier bringt, wie man sie redigiert, lenkt und biegt, sodass sie spannend zu lesen oder gut zum Vorlesen geeignet ist, aber diese wichtige Tatsache, ob man eine Geschichte hat oder nicht, das kann man nicht beeinflussen und deshalb ist es kein kontrollierbarer Beruf. Ich versuche mich ständig in einem Selbstgespräch zu hinterfragen, was alles in der Woche passiert ist, was ich bemerkt habe, weil ich weiß: Irgendwo ist die Geschichte begraben. Aber sie zur rechten Zeit zu erkennen und vor allem zu verstehen, worum es in der Geschichte ging, das gelingt mir nicht immer. Da helfen keine Diktiergeräte oder Zettel. Nichts hilft. Das ist Glückssache.

Ich habe bereits als Kind sehr schnell festgestellt, dass alles, was wir lernen, im Grunde Geschichten sind, die jemand aufgeschrieben hat. Es gibt ja nichts anderes von Bestand. Es ist eine sehr unbeständige Welt. Die Häuser zerfallen oder werden planiert, Menschen sterben, die Autos werden zu Schrott gefahren, nichts bleibt. Das Einzige, was uns bleibt, sind Geschichten. Aus Geschichten können wir erfahren, was früher los war. Die sogenannte Vergangenheit gibt es ja nur aufgeschrieben. In meinen Augen ist ein Schriftsteller eine sehr wichtige Person. Das ist die Person, die entscheidet, was bleiben darf und was nicht.

Ich schreibe nur dann, wenn ich etwas aufzuschreiben habe. Manchmal erscheint mir eine Geschichte voll und ganz und ich habe gar nicht viel Mühe, sie aufzuschreiben, aber das passiert selten. Normalerweise muss ich schon lange arbeiten. Was wirklich Zeit beansprucht, ist das Redigieren. Das ist ein Prozess, den ich sehr mag. Das Redigieren ist ja keine Voraussetzung für eine gelungene Geschichte. Voraussetzung ist die Anwesenheit der Geschichte.

Fotos: Privat; Melissa McKinley Photography

Die bisher erschienenen Teile der Schreibtisch-Serie finden Sie hier...

aus: buchreport.magazin 5/2017

08. Mai 2017


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