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Autoren, Veranstaltungen

ABA-Wintertreffen

Wenn Indie-Buchhändler Bestseller machen

Der US-Buchhandel rollt Autoren den roten Teppich aus: Beim ABA-Wintertreffen kamen 130 Schriftsteller und fast 700 Indies zusammen. Mit dabei war Mario Giordano, dessen »Tante Poldi«


Sizilien lässt grüßen: In Deutschland erscheinen Mario Giordanos „Tante Poldi“-Romane bei Bastei Lübbe. Gerade ist mit „Tante Poldi und der schöne Antonio“ der dritte Band herausgekommen. (Foto: Anja Sieg)

Man stelle sich vor, der Börsenverein lädt ganz viele Autoren zu den Buchtagen ein, setzt sie in einem großen Saal nebeneinander an nummerierte Tische und Buchhändler stehen Schlange, um sich ihre (von den Verlagen kostenlos bereitgestellten) Bücher signieren zu lassen. Dazu wird (ebenfalls gesponsert) Weißwein und Fingerfood gereicht.


Lübbe-Autor Mario Giordano jedenfalls wäre sofort mit von der Partie, wenn es in Deutschland ein ähnliches Event gäbe (s. Interview). In Memphis hat er kürzlich beim 13. Winter Institute der American Booksellers Association (ABA) hautnah miterlebt, wie es ist, wenn fast 700 Buchhändler und 130 Autoren zwei Stunden lang Networking betreiben. „Einfach unglaublich“, sagt er.

Das Wintertreffen des unabhängigen Buchhandels ist für die US-Publikumsverlage mittlerweile die wohl erfolgreichste Plattform, um neue Bücher von etablierten Schriftstellern und vielversprechenden Debütanten in den Blickpunkt zu rücken:

  • Anthony Doerrs Bestseller „All the Lights We Cannot See“ (in der deutschen Übersetzung „Alles Licht, das wir nicht sehen“ bei C.H. Beck) begann hier seinen Siegeszug, der u.a. in einem Pulitzerpreis, über 1 Mio verkaufte US-Exemplare und Übersetzungen in 40 Sprachen mündete.
  • Die erfolgreiche US-Karriere von Blessing-Autor Jan-Philip Sendker nahm vor einigen Jahren beim Winter Institute ebenfalls ihren Anfang; dank Schützenhilfe der Indies wurde sein Roman „The Art of Hearing Heartbeats“ (im deutschen Original „Das Herzenhören“) zum Bestseller.


Sendker war 2011 der erste Deutsche beim Winter Institute, Mario Giordano sieben Jahre später der zweite. Ob „Auntie Poldi and the Sicilian Lions“ tatsächlich das Zeug zum Bestseller hat, wird sich zeigen – das Hardcover erscheint am 6. März –, aber Giordanos US-Verlag Houghton Mifflin Harcourt (HMH) ist optimistisch.

HMH ist zwar in erster Linie im Bildungsbereich unterwegs. Doch die Verlagsgruppe, US-Heimat u.a. von J.R.R. Tolkien und Günter Grass, hat über alle Umstrukturierungen hinweg ein kleines, aber feines allgemeines Buchprogramm behalten. Und für Mario Giordanos Debüt lehnt sich der Verlag weit aus dem Fenster. Der Spitzentitel des Frühjahrs wurde über Monate systematisch aufgebaut:

 

  •     September: Auf allen regionalen Herbst-Tagungen der ABA werden Leseexemplare verteilt und Geschenkpakete mit Buch, Prosecco und Orangensprudel verlost; im Branchenblatt „Publishers Weekly“ erscheint ein ausführliches Feature.
  •     Oktober: Leseexemplare und Geschenkpaket werden an 1150 Buchhändler, Journalisten und Brancheninsider verschickt.
  •     November: HMH schaltet „Auntie Poldis“-Webseite mit Auszügen aus dem Buch, Rezepten und Diskussionsanregungen für Leseclubs frei; Werbung in der Buchhandelsausgabe von NetGalley und im Online-Newsletter „Shelf Awareness“.
  •     Dezember: Gewinnspiel bei Goodreads und auf der Buchclub-App von BookMovement; Online-Werbekampagne auf BookBrowse First Impression.
  •     Januar: Aufnahme in den einflussreichen Buchkatalog „Buzz Books“ von „Pub­lishers Lunch“; Mario Giordano wird zu einer PR-Reise mit Stationen in New York, Boston und Memphis eingeflogen; Lese­exemplare für die Teilnehmer des Winter Institute; Online-Gewinnspiel auf Good­reads und LibraryThing.
  •     Februar: Leseexemplare bei der Winter­tagung der US-Bibliotheken; ganzseitige Anzeigen im Magazin der New Yorker Buchhandlung The Strand, in „BookPage“ und dem Krimimagazin „Mystery Scene“.
  •     März: Ganzseitige Anzeige in „New York Times Book Review“ am 11. März.


Der Aufwand hat sich gelohnt, denn „Auntie Poldi“ hat jetzt im Buch- und Einzelhandel einen ganz großen Auftritt:

  •     Barnes & Noble hat den unterhaltsamen Kriminalroman in seine Frühjahrskampagne „Discover Great New Writers“ aufgenommen, die im Schaufenster und Displays in den Filialen groß beworben wird.
  •     Beim Discounter Costco ist er als „Penny’s Pick“ das Buch des Monats März.
  •     Die ABA bewirbt das Hardcover im März auf der „Indie Next“-Auswahlliste, aus der sich üblicherweise ein Großteil der monatlichen Indie-Bestseller generiert.

 

 

15. März 2018


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