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Bücher

Rezensiert: „Scherben“ von Sabine Freiermuth

Alarm im Irrenhaus

Die Illustratorin Sabine Freiermuth präsentiert mit ihrer im November 2016 erschienenen Graphic Novel einen von der Gesellschaft hinterlassenen Scherbenhaufen. Ein opulenter Comicroman, dessen Bilder die Rezensentin von Indie Publishing überzeugt – wären da nicht die Dialoge.

San Francisco im Jahre 1981: Menschen, die nicht ins System passen, werden kurzerhand in die Irrenanstalt gesperrt. Die meisten Figuren in „Scherben“ sind für die Gesellschaft zwar eher harmlos und gefährden hauptsächlich sich selbst – trotzdem gibt es außerhalb der Mauern und Gitterstäbe der Psychiatrie keinen Platz für sie. In diesem Bewusstsein finden sich die Figuren mit ihrem Schicksal ab und verlieren die Lust, der Welt draußen einen Besuch abzustatten.

Ganz anders jedoch ergeht es der Hauptfigur, einem jungen, kiffenden, gegen das System rebellierenden Rastafari. Aufgrund eines in Gewalt mündenden Wutausbruchs wird er in die Psychiatrie eingeliefert. Von der ersten Sekunde an plant er seinen Ausbruch, sabotiert jegliche Therapieversuche und macht sich über seine Mitinsassen lustig. Bis eines Tages ein Psychopath eingeliefert wird, in dem der Protagonist seinen Gegenpart und die Chance zur Flucht erkennt.

In dynamischen und berührenden Bildern erzählt Sabine Freiermuth von den Ängsten, Sorgen und Nöten, die die Bewohner der Psychiatrie plagen. Sensibel stellt sie die emotionalen Zustände der Patienten, bedrohlich köchelnde Konfliktherde aber auch rührende Freundschaften dar, die den Alltag der Figuren bestimmen. Im Rahmen der Figurencharakterisierung aber auch des Plots bedient sie sich immer wieder interessanter Wendungen und einer ordentlichen Portion (schwarzen) Humors. Die Farbpaletten in Grau, Braun und Grün wechseln einander ab, um unterschiedliche Stimmungen zu kreieren. Aufgebrochen und belebt wird die Farbgebung lediglich durch die roten Haare des Protagonisten. Dieser ist es auch, der die Handlung des Comicromans mit seiner Wut, Ungeduld und Unnachgiebigkeit vorantreibt.

Die sprachliche steht der grafischen Gestaltung leider in Vielem nach. Ganz im Gegensatz zu den Bildern zeigen die Dialoge wenig, erklären dafür aber alles bis ins kleinste Detail. Die Autorin unterwirft die Figuren immer wieder diesem Erklärungszwang, sodass sie selten zum Handeln kommen. Anstatt es dem Leser zu überlassen, Antworten auf die Frage nach dem Warum und Weshalb zu finden, präsentiert die Autorin sie mittels der Dialoge auf dem Silbertablett. So ist die Lektüre zuweilen langweilig. Die Beschäftigung mit den Illustrationen bietet deutlich mehr Stoff und Interpretationsfreiraum. „Scherben“ ist insgesamt eine gelungene Graphic Novel mit ein paar Schwächen, die man ihr durchgehen lassen kann. Auch die Bonusgeschichte „Urnengang“ tröstet über so manchen Mangel hinweg.

Sabine Freiermuth: Scherben, 316 Seiten, 76,99 € (Paperback), Tredition, ISBN: 978-3-7345-7058-2 (auch als E-Book und Hardcover erhältlich)

Renata Britvec, lektoratur.de

17. März 2017


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