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Der Weltuntergang ist nah

Wenn alles, was wir kennen, nicht mehr zählt

Heiligabend in Salla, einer Gemeinde im finnischen Teil Lapplands, in der Nähe der Grenze zu Russland: Der 14jährige Toni und sein Vater sehen am späten Abend, wie ein  strahlend helles Licht für wenige Sekunden die Nacht zum Tag macht. Mangels anderer Erklärungen einigen sie sich im Familienkreis darauf, dass es eine ungewöhnlich große Sternschnuppe oder ein sehr großer Meteor gewesen sein müsse, den sie am Himmel gesehen haben. Am nächsten Tag stößt der junge Finne zufällig auf eine Fichte, die völlig vom Schnee befreit ist und ihm im leuchtenden Orange entgegenstrahlt. An dem Baum ist kein grüner Fleck mehr. Die benachbarten Fichten zeigen bereits orange Farbtupfer. Toni, der im Wald aufgewachsen ist und dessen Familie seit Generationen von der Forstwirtschaft lebt, ist sofort klar, dass es sich hier um eine Krankheit handeln muss. Mit diesem Ausgangsszenario beginnt der Roman Chlorophyll des Autors M. J. Herberth.


Was steckt hinter der Pflanzenkrankheit?
Das Orange, das Toni am ersten Weihnachtstag gesehen hat, breitet sich dermaßen schnell aus, dass auch der Versuch, die Krankheit mit dem Einsatz von Harvestern und dem Verbrennen der abgestorbenen Bäume zu stoppen, scheitert. Obwohl die Maschinen in der Lage sind, täglich bis zu 400 Bäume zu fällen, fallen der rätselhaften Epidemie immer mehr Bäume zum Opfer. Binnen weniger Tage hat sie sich auch auf die russischen Wälder ausgedehnt; die Russen versuchen, dem Fortschreiten mit großen Brandrodungen Herr zu werden, aber auch diese Maßnahmen haben keinen Erfolg, und sowohl die Finnen als auch die Russen müssen mitansehen, wie ihre Wälder zugrunde gehen. Doch es bleibt nicht bei diesem einen Phänomen: Tiere, die sich in der Nähe der erkrankten Bäume aufhalten, werden tot aufgefunden. Im Schnee sind keine Spuren zu sehen, die auf ein Raubtier oder einen Jäger hindeuten würden, aber die Kadaver weisen eine merkwürdige Form auf: Sie fallen so in sich zusammen, als hätten sie sich von innen selbst verdaut. Und noch etwas fällt an ihnen auf: Trotz der klirrenden Kälte und des Schneefalls bleibt auf ihnen keine einzige Flocke liegen. Eine Untersuchung ergibt, dass sie ebenso wie die toten Bäume Wärme an ihre Umgebung abgeben.
Am 29. Dezember macht die promovierte Physikerin und Expertin für Satellitennavigation Mia Schindler 2.800 Kilometer von Salla entfernt eine Entdeckung: Als sie in Darmstadt im Kontrollraum des Europäischen Raumflugkontrollzentrums (ESOC) einen Forschungsauftrag erledigt, sieht sie zufällig Satellitenbilder, die den finnischen Teil Lapplands zeigen. Ihre Aufmerksamkeit gilt zunächst der dunklen Rauchsäule, die in der Nähe von Salla aufsteigt, doch bei näherem Hinsehen fallen ihr gleich zwei Anomalien auf: Der finnische Wald leuchtet mitten im klirrend kalten Winter in einem strahlenden Orange und ist dort schneefrei, und der benachbarte See ist zumindest teilweise eisfrei. Mia kann sich darauf keinen Reim machen und beobachtet die Gegend auch in den nächsten Tagen. So sieht sie, wie die Fläche, die die verfärbten Bäume einnehmen, stetig größer wird und auch das Eis auf dem See immer weiter auftaut. Am selben Tag macht Toni im fernen Lappland eine grausige Entdeckung: Sein Hund apportiert nicht wie üblich den kleinen Spielball, sondern das Auge eines Menschen. Es gehört Igor, der sich am Abend zuvor betrunken an einen Baum gelehnt hat und dort erfroren ist. Auffällig ist jedoch, dass der Tote vollständig von weißen Pilzhyphen überwuchert ist, die sowohl in als auch auf ihm sind. Sie waren es, die ihm eines seiner Augen aus dem Schädel gedrückt haben.

Ein nie da gewesenes Phänomen gibt Rätsel auf
In Finnland entwickeln Wissenschaftler erste Theorien, was hinter der Erkrankung stecken könnte. Die erhöhte Temperatur in den Bäumen deutet auf einen verstärkten Stoffwechsel hin. Es hat den Anschein, dass die Bäume wegen des fehlenden Chlorophylls keine Fotosynthese mehr betreiben und ihre letzten Reserven verarbeiten, bis ihr sicherer Tod eintritt. In dieses Schema passt auch der Tod des mit Pilzhyphen überwucherten Mannes: Der Schluss liegt nahe, dass sich der Baum, an dem er lehnte, über den Pilz von der Leiche ernährte.Doch neben den erkrankten Bäumen heizt auch der teilweise aufgetaute See bei Salla die Spekulationen weiter an: In seiner Umgebung treten Störungen auf, die den Funkverkehr komplett lahmlegen. Im Laufe der nächsten Monate wird das zunächst auf Finnland beschränkte Problem zu einem globalen: Internationale Forscherteams versuchen, den Anomalien auf den Grund zu gehen und zu ergründen, was das Sterben der Bäume ausgelöst haben könnte. Ihnen sitzt die Zeit im Nacken: Nach und nach breitet sich die Orangefärbung auf alle bekannten Pflanzenarten aus und macht sogar vor Meeresalgen nicht mehr halt. Auch die Erwärmung des Seewassers bei Salla hat einen Grund: In dem Gewässer befindet sich ein bislang unbekannter Organismus, der in seiner Form an eine Schüssel erinnert und sich ständig ausbreitet. Er ernährt sich von allem Lebenden, was in seine Nähe kommt, was auch einen Taucher einschließt. Gebilde dieser Art finden sich in immer mehr Binnengewässern und später auch auf dem offenen Meer. Dort werden sie zur Bedrohung aller Lebewesen, die sich in oder auf den Ozeanen bewegen. Doch es bleibt lange unklar, welchen Zweck diese Organismen haben und welches Ziel sie verfolgen. Klar ist nur: Die Pflanzenepidemie löst eine weltweite Hungersnot aus, der Milliarden Menschen zum Opfer fallen. In ihrer Not schrecken viele der immer weniger werdenden Erdbewohner auch nicht vor den abscheulichsten Taten zurück, um ein kleines bisschen länger auf dem unwirtlichen Planeten zu überleben.

Lesen?
Chlorophyll bietet auf mehr als 660 Seiten spannende Lektüre mit einem wissenschaftlichen Hintergrund. Der Auslöser der globalen Katastrophe, auf den hier nicht eingegangen werden soll, ist durchaus im Rahmen des Möglichen. Auch die Erklärung für das, was sich da im Laufe von 15 Monaten abspielt, ist plausibel und gut nachvollziehbar - glücklicherweise auch ohne ein naturwissenschaftliches Studium. Der Leser erfährt quasi nebenbei eine Menge über die chemischen, physikalischen und biologischen Grundlagen unseres Lebens und mindestens genauso viel über Astrophysik. Herberth lässt auch die menschlichen Abgründe nicht aus, die sich angesichts der extremen Notsituation auftun wie Vulkankrater. Es ist keine Überraschung, dass für die oberen 100.000 der Welt - einschließlich der fähigsten Wissenschaftler - eine Überlebensstrategie entwickelt wird. Wem Der Schwarm von Frank Schätzing nicht apokalyptisch genug war, kommt bei diesem Roman voll auf seine Kosten.

M.J. Herberth, Chlorophyll, 668 Seiten, Taschenbuch, 19,99 €, epubli, ISBN 9783745040753

Rezensiert von Ina Degenaar, Opens external link in new windowInas Bücherkiste

 

 

30. August 2017


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