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Rezensiert: „… also nachm Regenbogen um sechs Uhr abends“ von Victoria Suffrage

Roadtrip nach Tschechien. Im Gepäck: Krankheit und Angst, Liebe und Hoffnung

Victoria Suffrages Erzählungen und Romane handeln meist von Außenseitern, Menschen, die in der Gesellschaft kaum gehört werden. Trauer und Traumata gehören ebenso zu ihren bevorzugten Themen wie der Blick hinter die Fassade der Mehrheitsgesellschaft. Auch in Ihrem aktuellen Roman „… also nachm Regenbogen um sechs Uhr abends“ entwirft die Autorin Figuren, die sich in einer ohnehin schwierigen Ausgangsposition mit großen Herausforderungen konfrontiert sehen: Demenz, der Verlust eines geliebten Menschen und das Leben mit einer Behinderung spielen eine große Rolle und bilden die Basis für eine spannende, wenn auch nicht ganz ausgereifte Handlung. Immerhin hat es Suffrage mit ihrem aktuellen Roman auf die Shortlist des Deutschen Selfpublishing-Preises 2017 geschafft. Der Gewinner wird am 11.10.2017 auf der Frankfurter Buchmesse bekannt gegeben.


Suffrages Protagonist tritt als Ich-Erzähler in Erscheinung und zieht den Leser sofort in seine Welt. Schnell wird klar, worunter er zu leiden hat und welche Ängste ihn in Hinblick auf die ungewisse Zukunft quälen – wie soll er, der an Demenz erkrankt ist, sich nach dem Tod seiner Frau um seine behinderte Tochter kümmern? Die Ich-Perspektive ist durchaus sinnvoll, ermöglicht sie doch eine emotionale Erzählweise, die dem schwierigen Thema immer wieder Leichtigkeit, ja sogar Witz verleiht. Andererseits schränkt sich die Autorin mit der Wahl der Perspektive sprachlich ein. Indem sie versucht, die gedankliche und emotionale Welt eines Demenzkranken möglichst einfach und nachvollziehbar zu porträtieren, nimmt sie sich selbst die Chance, komplexe Sachverhalte und Beziehungen pointiert und kraftvoll offenzulegen.

Mehrere teilweise überraschende Wendungen treiben die Handlung voran und verleihen dem Roman einen wenn auch nicht flotten, so doch gleichmäßigen und angenehmen Rhythmus. Dies gilt leider nur für die ersten sieben Kapitel, die etwas mehr als die Hälfte des Romans ausmachen. Hier setzt die Autorin einen markanten Wendepunkt: Der Protagonist lässt sich von seinem Freund zu einer abenteuerlichen Reise nach Tschechien überreden. Im Anschluss lässt sich Suffrage aber nicht genug Raum und Zeit, Motivation der Figuren und Handlung auszuarbeiten – was mehr als bedauerlich ist. Vor allem der immer wieder zitierte brave Soldat Schwejk, aber auch Hinweise auf Kafka lassen darauf hoffen, dass in der zweiten Hälfte des Romans neue Welten erobert und andere Sinnzusammenhänge eröffnet werden. Diese Hoffnung erfüllt sich jedoch nur bedingt. Zu geradlinig, zu verknappt und zu wenig mutig erzählt Suffrage die Geschichte viel zu schnell zu Ende.

Trotz einiger Mängel, zu denen auch das blass-bunte, mit einer transparenten tschechischen Flagge über einem fahlen Wolkenhimmel und zwei irritierenden Fonts zusammengewürfelte Cover zählt, ist eine Nominierung für die Shortlist durchaus gerechtfertigt. Nicht nur nimmt sich Suffrage eines dringlichen und gesellschaftlich relevanten Themas an, sie entwirft darüber hinaus liebenswerte Figuren, die einem keine Wahl lassen, als sie auf ihrem holprigen Weg zu begleiten. Insgesamt handelt es sich bei „…also nachm Regenbogen um sechs Uhr abends“ um einen berührenden Roman mit einem einnehmenden Protagonisten, der trotz aller Widrigkeiten die Hoffnung und die Liebe zum Leben nicht verliert.



Victoria Suffrage: … also nachm Regenbogen um sechs Uhr abends, 136 Seiten, 9,80 € (Taschenbuch, auch als Kindle Edition erhältlich), TWENTYSIX, 1. Auflage (21.07.2017), ISBN-13: 978-3740731250

05. Oktober 2017


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