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"Die schlechteste Mutter der Welt" von Alina Rheindorf

„Das Leben ist nicht perfekt“ – und das ist auch gut so! Für alles benötigt man heute irgendwie eine Referenz, ein Zertifikat. Fürs Kinderkriegen und -erziehen nicht. Das verunsichert. Denn wir Eltern wollen nichts falsch machen. Aber gerade beim ersten Kind wissen wir eben nicht, wie es geht, ob alles so normal ist: das Schreien, die Müdigkeit, die Gewichtszunahme des Babys, das Essen, das Zahnen, Drehen, Krabbeln etc. Wir sind überfordert und zweifeln an uns. Alles ist neu. Wir waren darauf nicht vorbereitet. Deshalb boomen sie, die Schwangerschaftsratgeber, Elternratgeber, Erziehungsratgeber … Und nun noch einer?


Nein! Ein Ratgeber möchte das unterhaltsame Buch von Alina Rheindorf nicht sein. Sie schreibt sich ihre Erfahrungen und Gedanken als zweifache Mutter einfach von der Seele. Und das mit sanftem Einfühlungsvermögen und Sprachwitz. Eine Empfehlung für werdende Eltern und solche, die gerade unter tiefen Augenringen leiden, die keinen wissenschaftlichen Ratgeber suchen, sondern ein Buch aus der Praxis.

Als ich selbst noch keine Kinder hatte, dachte ich: Eltern, das sind so Leute mit Kindern eben. Aber heute weiß ich es besser: Eltern, das sind Leute, die 24 Stunden am Tag, jeden Tag im Jahr Kinder haben.“ – heißt es zu Beginn. „Sie sind Mädchen und Buben für alles, erste Ansprechperson, Trägerin, Entertainer, Nahrungsmittelbeschafferin, Koch und In-den-Mund-Beförderin, Pflegekräfte, Reinigungsarbeiterin, Bademeister, Brotrindenesserin im Speziellen und Restesser im Allgemeinen, Nachtschwester, Aufhebtrottel, Geschichtenerzählerin, Spielgefährte, Ärztin, Aua-Puster, Angstnehmerin, Psychologe, Packesel, Trösterin, Vorleser und Geschichtenerzählerin, Chauffeur und vieles mehr. Eltern sind 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche in Bereitschaft. Und nebenbei sollen die dann eventuell auch noch arbeiten und halbwegs adrett aussehen.“

In 6 Großkapiteln,  SCHWANGER WERDEN, SCHWANGER SEIN, RAUS DAMIT!,  LEBEN MIT BABY, ERLEBEN MIT KLEINKIND  sowie DA KOMMT NOCH WAS behandelt die Autorin alle Dinge, die chronologisch zum Thema dazugehören. Naturgemäß mit unterschiedlicher Gewichtung. So nehmen die letzten drei Kapitel den meisten Platz ein.

Wer selbst Eltern ist, findet sich in dem Buch auf mindestens jeder zweiten Seite wider. Vor allem die Mütter: „Ich habe einen Mann über die Geburt seines eigenen Kindes sagen hören: „Meine Frau hat das eh nicht gespürt, hat ja eine PDA gehabt." Liebe Männer da draußen: Haltet verdammt noch einmal eure Schnauze (Verzeihung!), wenn es um das Thema Geburt geht. Ihr habt ja absolut keine Ahnung. Und glaubt mir, das wollt ihr auch nicht.“
Oft aber auch beide: „Ich bin keine Supderdupermutter, die Schlaf für überbewertet hält. Ich liebe meine Kinder, aber ganz ehrlich: Glücklicher wäre ich, wenn meine geliebten Kinder schlafen würden. Und zwar genau dann, wenn ich auch schlafen will.“

Die Autorin nimmt auch die Industrie aufs Korn, indem sie die zehn Produkte aus der Kategorie "Rausgeschmissenes Geld" herauspickt: Vom Nasensauger bis zum Stillsessel, vom Babywasser bis Tablethalterung für den Kinderwagen. Ihr persönlicher Spitzenreiter in dieser Kategorie ist der BabyPlus-Gurt: „Ja, bitte googeln Sie das! Ich habe das auch bis jetzt nicht gekannt. Auch auf die Gefahr hin, dass der Hersteller mich verklagt, stelle ich dieses Produkt an den ersten Platz. Ach oh Wunder, es hat auch mit Vibration zu tun. Ja, Babies fahren auf Vibration voll ab. (Angeblich auch so mancher Erwachsene, zwinkerzwinker). Aber dieses Hin-und-wieder geht eben nicht bei Babys. Die wollen das dann wie gesagt immer. Dieses Ding, ich erkläre es kurz, soll die Babys nämlich schon im Bauch der Mutter mit Vibration zwangsbeglücken. Heraus kommen dann angeblich die besseren Babys. Hochintelligent, hochglücklich, himmelhochjauchzend usw. Natürlich aber auch gut durchgerüttelt. Ich brauche gar nicht nachforschen, ob es dafür einen wissenschaftlichen Beweis gibt. Jedenfalls ist dies die Vorstufe, das Training für andere Geräte, die aus der Hölle kommen. Es freut sich der Gewöhnungseffekt. Kund/innen, die dieses Vibrationsprodukt kauften, haben auch dieses Vibrationsprodukt gekauft usw. Das zieht sich dann möglicherweise echt bis ins Erwachsenenalter (zwinkerzwinker).“

Am Schluss kommt die Autorin zu der Erkenntnis: „Die schlechteste (und perfekte) Mutter? Bin ich! Bist Du! Sind wir alle! Man kann nicht alles richtigmachen, perfekt sein. Weder die Eltern, noch die Kinder. Nichts und niemand ist perfekt. Wie zum Teufel macht man es also richtig? Nämlich so, dass alle es richtig finden? Gar nicht. Es ist eine Erleichterung, wenn einem das klar wird. Hauptsache, man macht es für sich selbst und das eigene Kind richtig.“

Alina Rheindorf: Die schlechteste Mama der Welt und ihre unbeantworteten Fragen an die Evolution, Twentysix, Taschenbuch, 7,99 €, auch als eBook erhältlich

Rezensiert von Susanne Tenzler-Heusler für Opens external link in new windowwww.lesering.de

06. November 2017


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