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Rezensiert: „Der Zorn der Feiglinge. Roman in Briefen“ von Rachid Benzine

Es ist nie eindeutig

Der Islamwissenschaftler Rachid Benzine, geboren 1971 in Marokko, machte zuletzt mit seinem 2012 im Suhrkamp erschienenen Werk „Islam und Moderne. Die neuen Denker“ auf sich aufmerksam. In diesem Buch stellt Benzine die wichtigsten muslimischen Reformdenker des 20. Jahrhunderts vor, die sich für eine aufgeklärte, friedliche Interpretation und Praxis des Islam einsetzen.2017 veröffentlichte der persona verlag Benzines ersten Roman. In „Der Zorn der Feiglinge“ richtet Benzine den Fokus auf die Fragestellung: Wie kann es sein, dass sich eine gebildete junge Frau radikalisiert und dem IS in den Kampf folgt?


Die Antwort ist keine einfache. „Es ist nie eindeutig: Man muss oft mehrere Informationen übereinanderlegen, um eine Ahnung davon zu bekommen, was eigentlich los ist.“ So formuliert es der Protagonist, der als Religionswissenschaftler für eine aufgeklärte Hermeneutik des Koran eintritt. Er versucht verzweifelt, seine 20-jährige Tochter zu verstehen und mithilfe von Worten zur Vernunft zu bringen. Seine Tochter, die sich ins umkämpfte Falludscha in den Irak aufgemacht hat, um einen regionalen Anführer des IS zu heiraten. Seine Tochter, die er selbst in Philosophie und Religionswissenschaft unterrichtet hat und von welcher er glaubte, sie sei gefeit gegen die Propaganda für Ausgrenzung und Hass. Während er sich fragt, welche Anzeichen ihm entgangen seien, nutzt seine Tochter die von ihm erlernten Methoden, um ihren Standpunkt zu verteidigen: Um Freiheit und Gerechtigkeit ginge es auch ihr. Die Dialektik zwischen Vater und Tochter spitzt sich zu, bis sich ihre unausweichliche Aufhebung aufgrund einer folgenschweren Entscheidung seitens der Tochter vollzieht.

Benzine hat gut daran getan, den Konflikt zwischen Vater und Tochter mittels eines Briefromans zu porträtieren. Die Form verleiht der Auseinandersetzung eine Dringlichkeit, die kaum auszuhalten ist. Immer größer werdende zeitliche Abstände zwischen den einzelnen Briefen, unbeantwortete Fragen und ins leere laufende Argumente verdichten die Anspannung, die sich beim Lesen einstellt. Es gelingt Benzine, beide Figuren in ihren jeweiligen Haltungen bis aufs äußerste glaubhaft zu zeichnen und ihr Ringen um Wahrheit und Wahrhaftigkeit urteilsfrei abzubilden. Die sensible Übersetzung Regina Keil-Kasawes trägt ebenfalls dazu bei, dass der gegenseitige Respekt und die große Liebe zwischen Tochter und Vater immer spürbar bleiben – trotz der Unvereinbarkeit ihrer jeweiligen intellektuellen und moralischen Positionen.

Mit seinen 96 Seiten ist „Der Zorn der Feiglinge“ ein sehr kurzer Roman. Dafür ist er umso gewichtiger. Es handelt sich um ein lebendiges Dokument eines Dialogs, der gegenwärtig nicht geführt wird, womöglich nicht geführt werden kann, und dennoch unverzichtbar ist. So formuliert der Autor im Vorwort seines Romans: „Schreiben ist vielfach noch das beste Mittel, um dem Nichtverstehen etwas entgegenzusetzen, das Fehlen eines Dialogs zu kompensieren und die Grenzen einer Realität zu lockern, die uns ihre Regeln aufzwingt.“

 

Rachid Benzine: Der Zorn der Feiglinge. Roman in Briefen, aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe, 96 Seiten, 17,50 € (Gebundene Ausgabe), persona verlag, ISBN 3924652430

 

 

11. April 2018


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