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Gastbeitrag: Wie Selfpublishing die Lektoren-Zunft verändert

Verlage und freie Lektoren – passt das (noch) zusammen?

Was bedeutet der Selfpublishing-Trend für freie Lektoren? Drei im Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL) organisierte Text-Profis warnen die Verlage, denen die guten Lektoren abhandenkommen könnten. 

Freie Lektoren arbeiten gern für Verlage. Das wird uns immer wieder bestätigt, wenn wir uns unter den VFLL-Kollegen umhören. Aber – auch das hört man immer wieder – die wenigsten freien Lektoren haben ausschließlich Verlagskunden. Besonders Publikumsverlage gehören nämlich häufig nicht zu den Kunden, von deren Aufträgen allein freie Lektoren leben können.

„Viele freie Lektoren haben sich andere Geschäftsfelder jenseits der Verlagsbranche erschlossen, denn professionell arbeiten kann nur, wer damit seinen Lebensunterhalt bestreiten kann“, sagt Thirza Albert, die als Lektorin für ganz unterschiedliche Kundengruppen arbeitet. „Ich denke da an Unternehmenskommunikation oder Werbelektorat. Aber auch Vollblut-Belletristiklektoren sind heute nicht mehr auf Verlage angewiesen“, ergänzt sie und verweist auf die Selfpublisher, deren Präsenz auf dem Buchmarkt und auch in den Kundenkarteien freier Lektoren deutlich gestiegen ist.

Für Verlage bedeutet diese Entwicklung: „Es könnte passieren, dass ihnen die guten Lektoren abhandenkommen“, hat Cordula Natusch, freie Lektorin für Verlage, Unternehmen und Selfpublisher, beobachtet. „Nachdem die Verlage schon Teile der Leser und Autoren verloren haben, könnte dies auch mit den professionellen freien Lektoren geschehen. Mit dem Selfpublishing ist für viele Kollegen eine attraktive Alternative entstanden. Ein Verlag, der gute Leute halten möchte, muss angemessene Honorare zahlen. Qualität hat ihren Preis.“

Die Alternative – Selfpublishing

Dass das Selfpublishing ein für alle Akteure der Buchbranche interessanter Markt ist, liegt nicht zuletzt daran, dass hier eine spürbare Professionalisierung stattfindet. „Immer weniger Autoren hauen einen Titel einfach so raus“, betont Thirza Albert. „Die Autoren wollen sich mit ihrem Text nicht blamieren und Fachautoren nutzen Selfpublishing, um für sich und ihre Arbeit zu werben. Deshalb investieren sie in Dienstleister, die ihnen helfen, die Qualität ihres Produkts zu sichern.“ Auch Cordula Natusch stellt fest, dass die Publikationen der Selfpublisher sich denen der traditionellen Verlage immer stärker annähern: „Das sieht man an den professionellen Covern, man spürt es aber auch daran, dass die ambitionierten Selfpublisher sich über die Notwendigkeit eines qualifizierten Lektorats im Klaren sind.“

Deutliche Signale dafür haben wir im VFLL schon 2014 auf der Frankfurter Buchmesse gespürt. Damals waren wir erstmals mit unserem Stand in der Selfpublishing-Area vertreten. Nicht zuletzt die Podiumsdiskussionen mit unseren Mitgliedern Thirza Albert und Friederike Schmitz haben den Besuchern bewusst gemacht, wie wichtig ein gutes Lektorat ist. Der Trend hat sich 2015 fortgesetzt: Unsere Lektoratssprechstunde für Autorinnen und Autoren stieß auf große Resonanz. An jedem Fachbesuchertag luden wir ein, an unserem Stand mit Textprofis des VFLL Publikationsprojekte zu besprechen. Zahlreiche Autoren nutzten dies und ließen sich beraten. Attraktiv für Selfpublisher ist nicht nur die Überarbeitung des Texts. Viele suchen Beratung bei ihrer Positionierung als Autor auf dem Markt und schätzen es, in ihrem Lektor einen Ansprechpartner für alle Fragen rund um die Veröffentlichung zu finden.

Textqualität – lohnend für alle

Von Büchern mit einer hohen Textqualität profitieren alle am Buchmarkt Beteiligten, Autoren, Selfpublisher, Verlage und letztlich auch der Buchhandel. Dem Leser ist es zunehmend egal, ob das, was er liest, in einem Verlag oder im Selfpublishing erschienen ist. Er will einen fesselnden Roman, ein spannendes Sachbuch oder einen hilfreichen Ratgeber lesen. Er will sich nicht über Fehler im Text und Sprünge in der Handlung ärgern und weiß ein gutes Lektorat – vielleicht nur unbewusst – zu schätzen. Verlage sollten nicht nur die erfolgreichen Selfpublisher und Autoren im Auge behalten und versuchen, sie für sich zu gewinnen, sondern auch die Menschen, die häufig im Stillen für Qualität gesorgt und damit am Erfolg kräftig mitgewirkt haben. Die stellen ihre Kompetenz nämlich nicht nur Autoren, sondern sicher gern auch häufiger wieder den Verlagen zur Verfügung!

Thirza Albert, Christiane Kauer und Cordula Natusch

16. Dezember 2015


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