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Markt

Carsten Lohse und Stephan Sprang über ihren Schrägverlag

„Unsere Leser sind zwangsläufig Fans“

Ein Name, der Programm ist – beim Schrägverlag ist dies der Fall, jedoch nicht nur inhaltlich. Der auf dadaistische Literatur spezialisierte Verlag mag es auch darüberhinaus unkonventionell, verzichtet auf ISBN, VLB, Barsortimenter und Amazon – und sieht seine Käufer nicht als Kunden. Im Interview schildern die Verleger Carsten Lohse und Stephan Sprang ihren Ansatz.

Carsten Lohse (re.) und Stephan Sprang.

 

Was macht den Schrägverlag so schräg – außer das dadaistische Thema?

Wir sind ein klassischer Verlag, ganz im traditionellen Sinne. Der Schrägverlag publiziert hochwertige Printprodukte in einer kleinen exklusiven Nische. „Print only“ ist heutzutage schon schräg genug. Zudem haben wir dafür einen recht eigenwilligen Vertriebsweg beschritten. 

Ihr Schrägverlag arbeitet ohne ISBN, VLB, Barsortimentern und Amazon. Wie kann das funktionieren?

Diese Fragen haben wir uns auch gestellt. Allerdings aus der gegenüberliegenden Perspektive.

Was haben wir in unserer Nische von ISBN, VLB, Barsortimentern und Amazon? Nachteile! Wir müssten eine Menge an Geldern für Vertriebswege bereitstellen, die wir nicht unterstützen wollen und die dem Verlag und den Autoren auch keinerlei Vorteile bringen. Wieviele Kunden suchen auf Amazon nach Oliver Jung-Kostick, Bernhard Rusch oder Karabin Oljoschin? Wer belästigt seinen Buchhändler vor Ort mit Bestellungen von Dadaisten, die der Händler nicht kennt?

Wir sehen uns als exklusives Feinkostgeschäft für den interessierten Leser. In unserem Onlineshop präsentieren wir das eher unbekannte Metzgerbräu („wo der stockzirkel bollt“) neben dem finnischen Mämmi („August fünfzehn“) und gleich daneben residiert der Borschtsch („Der große Uwsten“). 

Unser Onlineshop ist die zentrale Anlaufstelle für die Leseberechtigten, die Autoren sind die Filialen.

Kurz und verständlich: Wir versuchen unsere Leser zu bündeln, anstatt sie zu streuen. 

 

Sie verstehen Ihre Käufer nicht als Kunden, sondern als Fans. Was bedeutet das in der Praxis?

Klassische Leser gibt es für uns nicht. Wir verlegen keine Wohlfühlliteratur. Menschen die sich mit schräger Kunst beschäftigen, müssen zwangsläufig Fans dieser sein. Natürlich versuchen wir auch, „Leser“ zu gewinnen. Als unser Kerngeschäft sehen wir allerdings die Befriedigung und Gewinnung der unkonventionellen Lesebegabten.

Ihre Titel gibt es per Digitaldruck, allerdings nicht „on Demand“, sondern Sie kalkulieren eine feste Auflage. Aus welchem Grund?

Weil wir ein Verlag sind. 

Wie groß ist das Risiko?

Überschaubar. Es gibt ein festes Budget. Die Verlagsgewinne fließen derzeit ausnahmslos in neue Projekte. Jedes verkaufte Buch hilft uns, den nächsten Schrägschreiber zu veröffentlichen. 

E-Books sind bei Ihnen keine separate Verwertungsstufe, sondern ein add on – aus Marketinggründen?

Wir möchten das gedruckte Buch mit all seinen Vor- und Nachteilen stärken. E-Books eignen sich für uns hervorragend, um die Leserschaft neugierig zu machen. Dadaismus und andere schräge Kunstrichtungen funktionieren nicht auf einem E-Reader. Aus diesem Grund gibt es bei uns das halbe Werk immer in elektronischer Form, gratis und zum Download auf unserer Homepage Opens external link in new windowwww.schraegverlag.de

 


Verleger im Selbstporträt

So beschreiben sich die Schrägverlager selbst:

Stephan Sprang: Bekennenender Kretabergsteiger, Jahrgang 1975, Vielbücherleser, dekorierter Dipl. Ing. für Medientechnik (FH) mit jeder Menge Verlagserfahrung und Affinität zum gedruckten Wort.

Carsten Lohse: Fanatischer Freizeitkoch, Jahrgang 1976, unbelesener Autor, Kaufmann mit dem Hang zur Buchhalterei, Dadaist und Antischmerzlyriker.


 

Wohin soll sich der Verlag in den kommenden Jahren entwickeln?

Wir möchten eine ernstzunehmende Größe im Nischenbuchmarkt werden. Der Verlag soll ein Zuhause für Autoren sein und wir möchten Geld verdienen. Das wird in letzter Zeit oft vergessen. Verlage sind kein Wohlfahrtsunternehmen und Autoren keine Kuh, die man melken kann. Die Schriftbegabten stehen bei uns (nicht nur finanziell) auf Augenhöhe des Verlags. Das ist für uns wichtig. Das ist für uns fair. 

Eine langfristige Zusammenarbeit mit unseren Autoren, die eigenwilligen Vetriebsstrategien, ein Herz für unkonventionelle  Ideen und die Liebe zum gedrucktem Buch sollten uns in den nächsten Jahren zu dem machen, was wir verdient haben: Zu steinreichen Schrägkunstliebhabern oder zumindest zu den belächeltsten Verlegern im deutschsprachigem Raum. 

07. Juli 2016


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