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Markt

Interview mit Andreas Kaspar (CounterFights Anti-Piracy)

„Piraterieportale sind Werbung – aber an der falschen Stelle“

Nicht nur Verlage, auch Selfpublisher machen regelmäßig die Erfahrung, dass ihre Titel kostenlos auf illegalen Seiten angeboten werden. Die Reaktionen reichen von Verärgerung bis hin zu Gelassenheit – weil dies als kostenlose Werbung eingeschätzt wird. Im Interview sortiert der Piratenjäger Andreas Kaspar die Argumente.

 

Andreas Kaspar ist Inhaber des Unternehmens CounterFights Anti-Piracy, das im Auftrag von Autoren und Verlagen illegale Angebote im Internet entfernen lässt. 

Bei Selfpublishern taucht oft das Argument auf, dass durch die Piraterie kein wirklicher Schaden entstehe. In einem bekannten Blog für Selfpublisher wurde vor kurzem eine Studie zitiert, die belegen soll, dass Downloader keine potenziellen Käufer sind. Wie stehen Sie zu diesem Argument?

Andreas Kaspar: Der Autor dieses Blogs bezieht sich auf die Ergebnisse von mehreren Studien, welche eine zunehmende Nutzung legaler Verkaufsplattformen aufzeigen und interpretiert in diese Zunahme von Käufern einen Rückgang der E-Book-Piraterie. Schaut man sich die Ergebnisse dieser Studienjedoch genauer an, lassen diese eine solche Interpretation nach meiner Meinung gar nicht zu. In der zitierten Studie aus dem Jahr 2013 ist der überwiegende Teil der Befragten der Ansicht, dass es bereits ausreichend legale Angebote für E-Books gebe. Allerdings gaben zwei Drittel dieser Befragten an, dass sie Schwierigkeiten haben, die Unterschiede zwischen einem legalen und illegalen Angebot festzustellen.

Zum Beispiel konnten wir in einer Untersuchung der E-Book Angebote bei der legalen Auktionsplattform eBay.de in dem Jahr 2013 mehrere tausende illegale E-Book Angebote feststellen. Hier haben vermutlich viele Käufer eben nicht geprüft, ob es sich um ein legales oder illegales Angebote handelte und dann einfach nur aufgrund der deutlich geringeren Preise der E-Books bei den illegalen Angeboten zugeschlagen.

 


Am Freitag 21.10. von 11:00 bis 11:30 Uhr findet auf der Frankfurter Buchmesse eine Podiumsdiskussion mit Kaspar in der Selfpublishing Area (Halle 3.0, K13) zum Thema Kopierschutz und Piraterie statt.


Also ein typisches Schnäppchensucher-Verhalten?

Ja, genau. Ich differenziere die Nutzer der E-Books gerne in drei Gruppen. In der ersten Gruppe, ich nenne sie die besten Kunden, sind reguläre Konsumenten der Verlage und der legalen Shops, die sich regelmäßig die E-Books kaufen. Die zweite Gruppe beinhaltet versierte Internetnutzer, die gewöhnt sind, sich im Internet nach dem für sie besten Angebot umzusehen. Die Nutzer in der dritten Gruppe nenne ich Hardcoredownloader-ich-hau-mir-meine-Festplatte-voll-mir-ist-das-Urheberrecht-egal. 

Der Hardcoredownloader lebt in einer digitalen Welt der „Freikultur“ und will aus Prinzip kein E-Book bei einem legalen Shop erwerben. Kann ein Nutzer aus der zweiten Gruppe das gewünschte Werk mit einfachen Mitteln bei einem (Piraterie-) Portal günstiger erwerben oder sogar kostenlos herunterladen, wird er diese widerrechtlichen Angebote auch bewusst und wiederholt in Anspruch nehmen.

Es besteht aus meiner Ansicht zudem die erhöhte Gefahr, dass ein E-Book Nutzer aus der ersten Gruppe sich irgendwann als der Dumme sieht, wenn er immer für die Inhalte zahlen soll, während andere ohne Gegenwehr der Autoren und Verlage die gleichen E-Books kostenlos herunterladen können. Aus reinem Trotz könnte dieser dann auch zum regulären Downloader werden.

In Studien aus der Musik- und Filmindustrie wird auf die positiven Werbeeffekte der Piraterie hingewiesen...

Es gibt mehrere Studien aus der Musikindustrie, welche aufzeigen, dass mit der illegalen Verbreitung von MP3 Dateien von Musikstücken die Verkaufszahlen der CDs nach oben gegangen sind. Auch die gezielte Vorveröffentlichung von Musikstücken in Filesharingnetzwerken erbrachte bessere Umsatzzahlen der legalen Verkäufe. Hierbei handelte es sich teilweise zum Zeitpunkt der Studie jedoch um MP3-Musikdateien, welche eine deutlich geringere Qualität im Vergleich zur CD aufwiesen. Die Nutzer der MP3-Dateien mussten also zwangsläufig auf die CD zurückgreifen, um die Musikstücke in einer guten Qualität anzuhören. 

Weshalb eine Übertragbarkeit auf die Buchbranche schwierig ist?

Genau, bei den E-Books haben wir nur Text! Die illegalen E-Book-Kopien, welche über die Piraterieportale verbreitet werden, haben in der Regel keine Qualitätsunterschiede zum Original. Einem Nutzer, welcher das E-Book illegal heruntergeladen und gelesen hat, bieten sich daher keine Anreize, sich das gleiche E-Book nochmal im Original zu kaufen. Höchstens den Titel als Printbuch, um dieses in den Schrank zu stellen.

Auch bei der Häufigkeit der Konsumierung von Musik im Vergleich zum E-Book gibt es erhebliche Unterschiede. Wie oft in der Woche oder im Monat wird die gleiche CD gehört oder werden die gleichen beliebten Musikstücke abgespielt? Und wie oft im Monat wird das gleiche Buch des Lieblingsautors als E-Book gelesen? Diese Fragen kann jeder für sich selbst beantworten.

Also gibt es keine positiven Werbeeffekte für die Autoren?

Doch. Nur nicht so, wie es oft öffentlich behauptet wird und sich manche Autoren erhoffen. Piraterieportale sind zwar tatsächlich Werbung für die Autoren. Das sehen wir sehr oft daran, dass bei Neuerscheinungen, welche in den Piraterieportalen eingestellt werden, kurze Zeit danach auch die älteren Titel dieser Autoren wieder verstärkt nachgefragt und verbreitet werden. Diese Werbung zielt jedoch nach meiner Meinung auf die falsche Lesergruppe ab. In diesen Piraterieportalen gibt es zwar Leser der Werke, jedoch keine Leser, die bereit sind, für diese Werke bei den Onlineshops zu bezahlen. E-Book Nutzer, welche inzwischen daran gewöhnt sind, sich in den Piraterieportalen zu bedienen, sind nur schwer wieder umzugewöhnen und zu den legalen Onlineshops zu bewegen. Geiz ist für viele geil und kostenlos noch geiler.

Wie gravierend ist die Piraterie aktuell?

Teilweise werden die E-Books nur wenige Stunden nachdem diese vom Verlag veröffentlicht wurden in den öffentlich zugänglichen Piraterieportalen illegal zur Verfügung gestellt. Wir haben bei unseren Autorenkunden vor kurzem eine Umfrage gestartet, ob sie bei einer Neuveröffentlichung in den ersten Wochen Umsatzeinbrüche in den Verkaufszahlen sehen können. Einige konnten feststellen, dass an dem Tag, an dem ein E-Book Titel in einem der bekannteren Piraterieportale öffentlich zugänglich eingestellt wurde und kostenlos herunterladbar war, die Verkäufe deutlich geringer waren, als an dem Tag davor und danach. Die Filehoster, bei denen die herunterladbaren Dateien bereitgestellt wurden, ließen sich einen ganzen Tag Zeit, um auf die Löschungsmeldungen zu reagieren. Somit standen die E-Book Titel zwar „nur“ für einen Tag in den illegalen Portalen zur Verfügung, die Autoren haben an diesem Tag dennoch Käufer verloren.

Monatlich werden über mehrere Piraterieportale E-Book Sammlungen mit mehreren tausend neuen E-Books unterschiedlicher belletristischer Genre angeboten. Jedoch liegt die Anzahl der belletristischen E-Book Titel, welche jeden Monat neu als einzelner Download verbreitet werden, im Vergleich dazu auf einem niedrigen Niveau. Die E-Book Downloader müssen oftmals mehrere GigaByte an Dateien herunterladen, um nur einzelne Wunschtitel zu bekommen. Der Aufwand für den flüchtigen Nutzer der Piraterieportale, welcher sich schnell mal ein gewünschtes E-Book herunterladen will, ist deutlich angestiegen.

In den vergangen Monaten konnten wir feststellen, dass die Anzahl der Täter, welche wiederholt illegale Dateien über die Filehoster angeboten haben, gesunken ist. Dennoch ist eine Professionalisierung einzelner Täter festzustellen, welche mit Automatismen neue Dateien bereitstellen. 65 Prozent der Download-Links, welche wir im September bei den Filehostern entfernen ließen, sind auf nur drei Schwerpunkttäter gefallen. Einer dieser Täter ist dabei auf 49 Prozent aller entfernten Download-Links gekommen. Die illegale Verbreitung der E-Book Titel und Hörbücher wird nur von einer Handvoll von Tätern dominiert.

Was treibt die E-Book-Piraten an?

Den meisten E-Book Piraten geht es nach meiner Meinung hauptsächlich ums Geld. Häufig bieten die Filehoster zum Herunterladen einen kostenlosen Gastzugriff an, der nur eine geringere Downloadgeschwindigkeit aufweist oder nur eine begrenzte Anzahl von täglichen Downloads erlaubt. Mit einem kostenpflichtigen Premiumkonto bei einem Filehoster kann man mit höheren Downloadgeschwindigkeiten und mehr Dateien pro Tag herunterladen. Die Täter, welche die E-Books hochladen und die Download-Links in den Portalen veröffentlichen, werden von den Filehostern an diesem Geschäft direkt beteiligt. Die E-Book Piraten werden somit zusätzlich angeregt, noch mehr widerrechtliche Kopien anzubieten und die Download-Links einer möglichst hohen Anzahl von Internetnutzern zur Verfügung zu stellen.

So wird mit eintausend Downloads einer E-Book Datei bei dem Filehoster uploaded.net bis zu 8 Euro verdient, sofern die herunterladbare Datei eine Mindestgröße von 3 MegaByte aufweist. Ist eine E-Book Datei kleiner, wird diese von den Tätern mit anderen Dateien, wie Bildern oder MP3 Musikstücken zu einem Dateiarchiv zusammengepackt und erst dann bei dem Filehoster hochgeladen. Hieran erkennt man deutlich, dass es vielen E-Book Piraten nicht um das „Befreien“ von E-Books geht, also das Entfernen von Kopierschutz oder die Konvertierung in andere E-Book Dateiformate, sondern darum, mit den illegalen Downloads echtes Geld zu verdienen.

Wer sind die Betreiber dieser Plattformen?

Über die mutmaßlichen Betreiber der Piraterieportale haben wir teilweise nur wenige Informationen. Es gibt zudem Hinweise, dass die mutmaßlichen Betreiber von Piraterieportalen auch oftmals die Betreiber von Filehostern sind. Diese Filehoster werden offiziell in irgendwelchen außereuropäischen Ländern registriert, sodass diese ebenfalls nur bedingt rechtlich angreifbar sind. 

Es wird behauptet, die Verlage täten nicht genug gegen die Piraterie, also kann es keinen realen Schaden geben. Wie schätzen Sie das ein?

Obwohl die Verlage bei uns derzeit etwa ein Drittel der Kunden aus der Buchbranche ausmachen, überwachen wir derzeit über 15.000 Titel für die Verlage und knapp 1.000 Titel für selbstpublizierende Autoren. Bei den Autoren und den kleineren Verlagen haben wir zumeist das komplette Repertoire in der Überwachung, größere Verlage lassen häufig nur ihre Novitäten und Bestseller über uns prüfen.

Viele unserer Verlagskunden erweitern zudem das zu überwachende Titelrepertoire bei uns. Ein Verlag, für den wir z.B. seit dem Sommer 2013 tätig sind, hat mit 125 E-Books angefangen. Inzwischen lässt dieser Verlag von uns über 450 Schriftwerke prüfen. Bei einem Teil unserer Verlagskunden gibt es auch ein Interesse, mehr zu tun, als nur einfache Löschungen von Download-Links ausführen zu lassen. Einige gehen gerichtlich gegen die Filehoster vor oder beteiligen sich an strafrechtlichen Verfahren gegen die Täter oder Mittäter. 

Wie können die Rechteinhaber juristisch gegen die Piraten vorgehen?

Für ein rechtliches Vorgehen muss klar zwischen einem zivilrechtlichen und einem strafrechtlichen differenziert werden. Als Autor oder Verlag kann man über ein Zivilverfahren gegen die Täter vorgehen, sofern diese auch identifizierbar sind. In einem Zivilverfahren werden z.B. die Unterlassungsansprüche und Schadensersatzforderungen durchgesetzt. Ebenfalls können die Filehoster als sogenannte Störer für die wiederholten Rechtsverletzungen zivilrechtlich belangt werden, sofern nachgewiesen werden kann, dass die Betreiber der Filehoster ihren Prüfpflichten als Störer nicht nachkommen. Solche Zivilverfahren muss ein Autor oder Verlag jedoch vorab erstmal selbst finanzieren, was viele abschreckt.

In Strafverfahren ist der Staat der Ankläger, welcher gegen die Täter oder Mittäter vorgeht. Der Staat ist auch derjenige, welcher vorab die Kosten des Ermittlungsverfahrens über die Polizeibehörden trägt. Ein Staatsanwalt prüft jedoch genau, ob er eine Anklage gegen einen Täter erhebt und ob gewisse Voraussetzungen dafür erfüllt sind. So muss in strafrechtlichen Verfahren einem Täter nicht nur die objektive Tat (Hochladen der Datei und Verbreiten des Download-Links) nachgewiesen werden, sondern auch die subjektive Tat. Der Täter muss im Bewusstsein der Rechtsverletzung die Urheberrechtsverletzung begangen haben. Selbst wenn objektive und subjektive Tat nachweisbar sind, können die Ermittlungsverfahren eingestellt werden, weil ein „fehlendes öffentliches Interesse an der Strafverfolgung“ gesehen wird. Das passiert häufig, wenn nur einzelne Autoren gegen einen Täter Anzeige erstatten, die Anzahl der betroffenen Titel gering ist oder der Aufwand der Ermittlungen nicht im Verhältnis zu der zu erwartenden Bestrafung des Täters steht.

Strafanzeigen „ins Blaue“ hinein, wenn die Täter nicht ermittelbar sind oder nur wenige Rechtsverletzungen nachgewiesen werden können, sehe ich persönlich daher sehr kritisch.

Werden Sie und Ihre Dienstleisterkollegen jemals die Piraten besiegen?

Nein, die Piraterie wird sich meines Erachtens nie vollständig beseitigen lassen und es wird immer die Hardcoredownloader geben, die in den Piraterieportalen lieber mehrere Wochen warten, bis ein E-Book dort wieder zur Verfügung gestellt wird. 

Das Ziel unserer Vorgehensweise ist es, dass die E-Book Nutzer, welche noch bereit sind, für die E-Books zu zahlen, nicht mehr an die E-Books schnell und ohne weiteres über die öffentlich zugänglichen Piraterieportale herankommen. Die echten und zahlenden Fans der Autoren sollten nach meiner Ansicht nicht mehr zusehen müssen, dass Andere die E-Books kostenlos und illegal beschaffen. Der Aufwand, sich die E-Books über die illegalen Portale herunterzuladen muss deutlich höher sein, als sich die gleichen E-Book Titel über die legalen Plattformen zu beziehen.

Darüber hinaus sollen die Täter nicht mehr unbegrenzt Geld verdienen und, sofern sie identifizierbar sind, sollten diese auch rechtlich belangt werden. Bei den Nutzern dieser Piraterieportale muss ebenfalls ein Bewusstsein geschaffen werden, dass sie durch das Herunterladen der E-Books hochgradig Kriminelle finanziell unterstützen.

Interview:  Myra Çakan 

20. Oktober 2016


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