powerded by www.buchreport.de
Markt

Ruprecht Frieling über „Fake News“ im Selfpublishing

„Im Selfpublishing gibt es weniger Spinner und Faker“

Der „Handelsblatt“-Artikel über anstößige Publikationen von Selfpublishern schlägt Wellen in der Branche. Im Interview verweist Ruprecht Frieling vom Selfpublisher-Verband darauf, dass etablierte Verlage viel mehr Schund verbreiteten.


Hat das Selfpublishing ein Fake-News-Problem, wie vom „Handelsblatt“ behauptet?

Wer länger im Verlagswesen tätig ist, weiß genau, dass „Fake-News“ keine Erscheinung der Neuzeit oder des Internets sind. Papier war stets geduldig, und gelogen wurde in allen Jahrhunderten, dass sich die Balken bogen. Es ist schon aus diesem Grunde unlauter, das Modewort „Fake News“ mit der jungen Bewegung des Selfpublishings in Verbindung zu bringen.

Können Sie das näher erläutern?

Aus meinen inzwischen 40 Berufsjahren erinnere ich mich vieler Fälle, in denen gerade etablierte Verlage ihre Bücher mit ahistorischen Huldigungen an Wehrmacht, Waffen-SS und SS-Panzerdivisionen füllten, um damit gute Geschäfte zu machen. Spontan fällt mir Ullstein-Langen-Müller ein, die mit Alt-Nazi Franz Schönhubers „Ich war dabei“ geschönte Unwahrheiten über die Waffen-SS verbreiteten. Bei Druffel & Vowinckel durfte Julius Schaub, der langjährige persönliche Chefadjutant Adolf Hitlers, lügen, dass es Überlebenden des Holocaust kalt den Rücken herunterlief. Winkler mit „Denn der Hass stirbt“ von Leon Degrelle ist ein drittes Beispiel, dass Verlage als Türsteher keinerlei Garantien dafür bieten, Lügen, Hass und menschenverachtende Schriften zu unterbinden. Im Gegenteil: Sie machen mit „Fake-News“ blendende Geschäfte. 

Hinzu kommen noch diejenigen Verlagshäuser, die sich auf Verschwörungstheorien, Ufologie und Halbwahrheiten aller Art geradezu spezialisiert haben. Dazu zählen beispielsweise der von der „FAZ“ als „Marktführer einer profitablen Angstindustrie“ apostrophierte rechtspopulistische Kopp-Verlag. Letzterer betrieb sogar eine Internet-Fernsehsendung, die von Eva Herman moderiert wurde.

Unabhängig davon, ob auch Verlage solche Inhalte verbreiten – tun Selfpublishing-Dienstleister genug, um die Publikation anstößiger oder illegaler Inhalte zu verhindern?

Auch bei dieser Frage möchte ich darauf verweisen, dass die Problematik allgemeiner Natur ist. Onlineshops großer Zeitungen bieten Nazibücher und rechte CDs zum Verkauf an. Angeboten werden dort unter anderem Werke des Geschichtsrevisionisten und Holocaustleugners David Irving. Es handelt sich dabei um Vertriebe – ebenso wie Amazon, Buecher.de und andere Plattformen – die grundsätzlich alles verbreiten, was nicht verboten ist. Entsprechend verhalten sich auch diejenigen Selfpublishing-Dienstleister, die sich als Hersteller und Vertriebler, jedoch nicht als Verleger verstehen. 

Das „Handelsblatt“ nennt einige anrüchige Titel, die im Selfpublishing veröffentlicht wurden.

Konkret genannt werden zwei Bücher: „Höllensturm“, das weit abgeschlagen auf Platz 41.459 der Verkaufs-Charts verstaubt, und „Raubland“, das von Amazon und anderen Anbietern entfernt wurde und nur noch schwer erhältlich ist. Natürlich gibt es auch im Selfpublishing Unverbesserliche und Ewiggestrige. Ich behaupte aber in Kenntnis der Szene, dass hier bislang viel weniger Spinner und Faker aufgetreten sind als in der von den Verlagen „bewachten“ Buchlandschaft. 

Das Thema ist nicht neu. Selfpublisher kämpfen seit Jahren gegen Vorurteile in der Branche an, besonders was die Qualität ihrer Titel angeht. 

Die Besonderheit des Selfpublishers ist, dass Autor und Verleger in Personalunion auftreten. Damit liegt die volle Verantwortung stets beim jeweiligen Verfasser. Selfpublisher haben allerdings den Schrott nicht erfunden oder für sich gepachtet, den Müllberg vergrößern in erster Linie immer noch die klassischen Verlage. Ich kann auch nicht erkennen, dass Selfpublisher gegen die „Vorurteile der Branche“ ankämpfen. – Wozu? – Diese Autoren liefern Lesestoffe, die von den Lesern ganz offensichtlich goutiert werden. Das beweisen die täglichen Umsätze, die übrigens von der Branche mit Luchsaugen beobachtet werden. Bei jedem erfolgreichen Selfpublisher klopfen deshalb seit Monaten große Verlage – und inzwischen auch zunehmend Literaturagenten –  an die Tür und bieten Konditionen, von denen klassische Verlagsautoren nur träumen. 

Was kann der Verband tun, um das Image der Indie-Zunft zu verbessern? 

Der Selfpublisher-Verband setzt sich für die Professionalisierung der unabhängigen deutschsprachigen Autorinnen und Autoren ein. Wir bauen Brücken zu Lektoren, Korrektoren, Grafikern und Marketing-Experten. Auf regionalen und überregionalen Buchmessen (Leipziger Buchmesse 2017: Halle 5.0 Stand D 512) stellen wir unter Beweis, wie erfolgreich Selfpublisher sein können und hinterfragen öffentlich ihre Strategien und Wirkungsmechanismen. Wir helfen bei der Profilierung einzelner Autoren als Experten für spannende (Nischen-)Themen und unterstützen Journalisten bei ihren Erkundungen der Szene. 

Und Ihr Verhältnis zum Buchhandel?

Der Selfpublisher-Verband kämpft darum, den Einstieg in den klassischen Sortimentsbuchhandel zu erleichtern, weil wir den Buchhandel als Handelspartner ernst nehmen. Mit der Tolino-Gruppe haben Selfpublisher es inzwischen bis in die vordersten Verkaufsflächen von Hugendubel, Thalia und Weltbild geschafft. Diese Krimis, Fantasybücher und Unterhaltungsromane unterscheiden sich nur in einem Punkt von anderen Titeln, die in friedlicher Koexistenz mit ihnen angeboten werden: Sie wurden ohne Verlage herausgebracht! Und das ist der entscheidende Punkt, denn letztlich sind nur Autoren und Leser wirklich wichtig. So betrachtet setzen wir uns auch für die Freiheit des Lesers ein, selbst entscheiden zu können, was er in seinen Warenkorb legt. 

Ruprecht Frieling ist ein deutschsprachiger Autor, Verleger und Produzent. Der „Bücherprinz“ publizierte mehr als 40 in mehrere Sprachen übersetzte Bücher mit breit gefächerter Thematik. Der Stellvertretende Vorsitzende des Selfpublisher-Verbandes e.V. ist u.a. Herausgeber von Literaturzeitschrift.de, er fördert Talente und ist als Berater tätig. 

08. Februar 2017


blog comments powered by Disqus