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Markt, Newsletter

Interview mit Christoph Haacker und Sebastian Guggolz

Indie-Verlage: Mit Leidenschaft und klaren Profilen erfolgreich

Initiativen wie der Hotlist-Preis rücken Independent-Verlage ins Rampenlicht. Wie sie sich selbst in der Branche verorten, berichten die aktuellen Preisträger Christoph Haacker (Arco Verlag) und Sebastian Guggolz (Guggolz Verlag).

 

Preisträger mit Veranstaltern: Christoph Haacker (Arco Verlag, 3.v.r.) und Sebastian Guggolz (Guggolz Verlag, 3.v.l.). Foto: Norsin Tancik

Mit der Hotlist soll ja ein Schlaglicht auf die unabhängige Verlagsszene geworfen werden. Brauchen kleine Verlage diesen Spot überhaupt noch im Handel?

Sebastian Guggolz: Ich kann die Beziehung zwischen meinem Verlag und dem Buchhandel nur als Erfolgsgeschichte erzählen. Ich bin von Anfang an auf eine große Offenheit und sehr großes Vertrauen bei den Buchhändlern gestoßen. Da baue ich auf die Vorarbeit der Kurt-Wolff-Stiftung, auf deren Engagement z.B. die Gründung des Deutschen Buchhandlungspreises zurückgeht, und vieler kleiner Initiativen wie Hotlist und Indiebookday, die über die letzten Jahre unglaublich viel Arbeit geleistet haben.

Christoph Haacker: Der Start, den Sebastian hingelegt hat, ist eine Ausnahmegeschichte, die mir aber umso besser gefällt. Jüngere Verlage wie Guggolz und davor z.B. Binooki haben sich auch deshalb etablieren können, weil die Gründungen einen durchdachten Vorlauf hatten und viele richtige Entscheidungen, Leidenschaft und klare Profile ein guter Cocktail für Erfolg sind. Allgemeine Rückschlüsse daraus zu ziehen, ist nicht ganz leicht, 2015 und 2014 waren für viele Verlage extrem schwere Jahre. Zu loben ist immer der unabhängige, inhabergeführte Buchhandel mit Herz, Seele und Kompetenz. Für Verlage wie uns ist er wichtig, aber wir sind auch wichtig für ihn. Es gibt jedoch noch zu wenig Aufgeschlossenheit vieler großer Buchhandlungen oder Ketten. 

Inwiefern?

Haacker: Ihre Größe bewahrt sie ja vor Krisen nicht, deshalb sollten auch dort markante Verlage wie die der Kurt-Wolff-Stiftung stärker wahrgenommen werden, vielleicht mit einem Querschnitt aus den Programmen, der im Laden die Marke „Kurt Wolff“ sichtbarer macht. Andere Marken wie die „Andere Bibliothek“, „Salto“ oder „Europa erlesen“ haben ja auch ihren festen Platz. Das Ganze sollte stärker auch als Qualitätssiegel für geballte Vielfalt aus über 100 Qualitätsverlagen begriffen werden, so wie die VDP im deutschen Weinbau oder Slow Food. Mindestens ebenso entscheidend ist aber, den Endkunden und die Endkundin in jedwede Buchhandlung zu bekommen, also sie zu interessieren. Hier sind – noch vor Newslettern etc. – die Aufmerksamkeit der Presse und Rezensionen das A und O. Es wäre schön, wenn der sehr unkonventionelle, anspruchsvolle „Preis der Hotlist“, der von unten gewachsen, nicht künstlich „gemacht“ ist, zunehmend wahrgenommen würde, etwa wie der deutlich unterscheidbare Deutsche Buchpreis; an diesem ist unstrittig, dass er den Verkauf ankurbelt. 

Wie sieht das von Ihnen beschriebene positive Feedback konkret aus, Herr Guggolz?

Guggolz: Es gibt einen regen und auch kontinuierlichen Austausch, der von beiden Seiten ausgeht. Einige Buchhandlungen in ganz Deutschland laden mich z.B. ein, mein Programm bei ihnen im Laden vorzustellen. Das sind tolle Veranstaltungen, die mir viel Spaß machen und die dazu beitragen, dass der Verlag bekannter wird und die Bücher zu den Lesern gelangen. Meine Grunderfahrung ist: Wenn man erst einmal ins Gespräch kommt und eine verlässliche Produktion hat, sind sehr viele Buchhandlungen vollkommen bereit, sich auch auf so ein kleines Verlagsprojekt wie meines einzulassen. Allerdings habe ich mich auch nie der Utopie hingegeben, ich könnte bei Thalia gelistet werden, sondern ich habe von Anfang an den Schwerpunkt auf die literarischen, die kleinen und inhabergeführten Buchhandlungen gelegt, weil ich glaube, dass das die natürlichen Verbündeten der unabhängigen Verlage sind.

Haacker: Wenn wir beispielsweise Lesungen machen, ist das Echo auch immer stark, sowohl im Hinblick auf die Publikumsrückmeldungen als auch auf die Verkäufe. Die kleineren Buchmärkte sind oft wunderbar. Über die Jahre entstehen da enge Kundenbindungen. Wir werden gezielt aufgesucht und hören dann Meinungen zu den zuletzt gekauften Büchern. Es ist eine schöne Erfahrung, wenn man in andere Städte fährt und dann inkognito eine Buchhandlung für sich erschließt, an der man gerade vorbeikommt. Beglückend, wenn man Ausgesuchtes von Kollegen oder uns entdeckt. Inzwischen ist das zwar ziemlich normal, aber jedes Mal eine Freude. Ich mag den Austausch, der entsteht, wenn man dann einander vorstellt.

Sind die Rückzahlungsforderungen der VG Wort für Sie existenzbedrohend?

Guggolz: Da ich mein Programm mit vergessenen Werken bereits verstorbener Autoren in Übersetzungen bestreite, betrifft mich das BGH-Urteil nicht direkt. Mit großem Entsetzen betrachte ich weniger das Urteil an sich – hier vertraue ich dem Gericht in seiner Urteilsfindung –, sondern den Umgang mit den Konsequenzen. Innerhalb kürzester Zeit müssen manche Verlage enorme Summen an die VG Wort zurückzahlen, und wenn hier politisch keine vernünftige Regelung gefunden wird, um die Wucht der Auswirkungen abzufangen, könnte das einigen Verlagen das Genick brechen.

Haacker: Von den Rückzahlungsforderungen sind auch wir nicht betroffen. Das ändert aber nichts daran, dass wir befremdet über den Vorgang und in größter Sorge angesichts der Folgen sind. Es ist klar, dass wir solidarisch mit den Kollegen sind. Wir wissen noch, wie es ist, fast mit dem Rücken zur Wand zu stehen, und die Diskussionen der vergangenen Jahre haben ja deutlich gemacht, dass Verleger und ihre Mitarbeiter sowieso Mühe haben, ihren Lebensunterhalt mit Literatur zu verdienen, was, wie manchmal leichtfertig unterstellt, keineswegs an mangelnder Tüchtigkeit oder wirtschaftlicher Inkompetenz liegt. Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag, die Kurt-Wolff-Stiftung und andere haben ja öffentlich aufgezeigt, dass eine zusätzliche Gefährdung hinterm VG-Wort-Drama darin besteht, dass Großkonzerne wie Google ein Interesse daran haben, das Urheberrecht auf allen Ebenen zu unterhöhlen und die Position der Verlage zu schwächen. Vermeintliche Besserstellungen von Übersetzenden und Autoren drohen, ihre wichtigsten Partner, die Verlage, zu schwächen, die ohnehin die wohl größten Risiken im Buchmarkt tragen.

Stichwort Vertrieb: Viele Indie-Verlage verkleinern ihre Vertretermannschaft oder schaffen sie gleich ganz ab. Nimmt der Direktvertrieb zu?

Guggolz: Das kann ich so nicht bestätigen. Natürlich kann sich nicht jeder kleine Verlag einen eigenen Vertriebsmitarbeiter leisten, aber man kann im Verbund mit anderen unabhängigen Verlagen Vertreter beauftragen. Wir tun das z.B. über das Büro Indiebook, die mit zwei Vertreterinnen und einem Vertreter deutschlandweit den unabhängigen Buchhandel bereisen.

Haacker: Im Zuge der Krisen scheint das Berufsbild durchaus gefährdet. Wir legen auf unsere Vertreter wie Rudi Deuble, Seth Meyer-Bruhns und unseren Schweizer Trommler Urs Aerni viel Wert. Dass wir sie auch in schlechteren Zeiten behalten haben, ist Teil dieser Wertschätzung. Sie haben einen für uns bereichernden eigenen Blick auf unsere Bücher und übermitteln nicht nur Vormerkungen, sondern auch sonstiges Echo des Buchhandels. Das Modell, dass Vertreter mehrere kleinere Verlage betreuen, hat sich bewährt. Der Direktvertrieb erfordert auch Aufwand, und Direktverkäufe an Endkunden gehen zulasten der Buchhandlungen, an deren Erhalt wir aber alle ein Interesse haben. Die Buchbranche – siehe auch die VG-Wort-Debatte – sollte sich stärker als eine Gemeinschaft von Partnern betrachten, die einander brauchen und sich stützen sollten.

Was hat die Digitalisierung den kleinen Verlagen gebracht?

Guggolz: Die Veränderung, die sich in den Arbeitsprozessen ergeben hat, unterscheidet sich nicht so sehr von denen, die die Digitalisierung in den privaten Kommunikationsprozessen bewirkt hat. Es gibt also insgesamt eine Beschleunigung der Kommunikation, etwa mit Übersetzern oder ausländischen Verlagen. Für meinen Verlag, in dem ich ausschließlich gedruckte Bücher anbiete, eröffnen sich darüber hinaus durch die Digitalisierung keine neuen Räume. Ich habe aber auch nicht das Gefühl, dass irgendwo schlüssige Geschäftskonzepte sichtbar werden, die sich ganz aufs Digitale stützen.

Aber ausschließlich aufs Gedruckte zu setzen, erscheint doch gerade in Hinblick auf die nachwachsende Generation etwas naiv?

Guggolz: Auch unter den jüngeren Leuten gibt es noch genügend Leser, die das gedruckte Buch schätzen und für unverzichtbar halten. Zugegeben: Wenn man die Entwicklung in den Konzernverlagen beobachtet, mag es in der Masse einen Rückgang beim gedruckten Buch geben. Aber gerade für das besondere und gute Buch, das seit jeher nur ein begrenztes Publikum erreicht, wird es immer ein Interesse geben.

Haacker: Die Digitalisierung bietet natürlich in Herstellung und Kommunikation viele Vorteile und Einsparungen. Stichwort E-Book: Warum sind reflektierte Entscheidungen naiv? Das halte ich für unangemessen und überheblich. Dabei haben wir selbst keine grundsätzlich ablehnende Haltung zu E-Books. Nicht als Ersatz, aber als Ergänzung zum gedruckten Buch sind sie sinnvoll. Warum soll eine Literaturwissenschaftlerin in Tokio sich mühsam einen Arco-Wissenschaftstitel besorgen müssen, wenn ihr dieser als E-Book und z.B. mit Suchfunktionen leicht zugänglich gemacht werden kann? Auch für Bücher, deren Neudruck nicht mehr wirtschaftlich erscheint, kann das E-Book dem gänzlichen Verschwinden vom Markt vorbauen. Die nachwachsende Generation wird übrigens von uns mitgeprägt: Meine Tochter Nana hat sicherlich eine Liebe zum sinnlichen Erfahren eines gedruckten Buchs als Begleiter, zur Buchgestaltung, zur Haptik, zum Geruch vermittelt bekommen. Aber bei einem Jahr in Gambia hatte sie notgedrungen neben Büchern einen E-Book-Reader mit sich – der wurde ihr dann von jemandem geklaut, der ihn für ein iPad gehalten hatte. Eine Erstausgabe von Hölderlins „Hyperion“ von 1797 hätte er dagegen wohl gleich als für sich wertlos erkannt.

Interview: Nicole Stöcker

Christoph Haacker

Geboren 1972, Germanist und Slavist, leitet seit 2002 den Arco Verlag. Zahlreiche Herausgaben sowie Beiträge in Büchern, Zeitschriften, Zeitungen und Rundfunk, u.a. in der NZZ, im Deutschlandfunk, im New Yorker Aufbau, im Jüdischen Echo. Der Arco Verlag, gegründet 2002, besteht seit 2009 an den zwei Standorten Wuppertal und Wien. Schwerpunkte sind Editionen der literarischen Moderne; Übersetzungen von Weltliteratur, bei Lyrik in zweisprachigen Ausgaben; Exilliteratur, zumeist von jüdischen Autoren. Dazu kommt das wissenschaftliche Programm mit kulturwissenschaftlichen Publikationen. 2016 erhielt der Verlag für die Publikation „Die Geometrie des Verzichts“ von Debora Vogel den Preis der Hotlist 2016.

Foto: Nils Kahlefendt

 

Sebastian Guggolz

Geboren 1982 am Bodensee, studierte Kunstgeschichte und Germanistik in Hamburg. Nach einigen Jahren als Lektor bei Matthes & Seitz Berlin gründete er 2014 den Guggolz Verlag.  Der Guggolz Verlag widmet sich der Neu- und Wiederentdeckung vergessener und übersehener Autoren aus Nord- und Osteuropa in neuer Übersetzung, in hochwertiger Ausstattung und mit begleitenden Nachworten. Pro Halbjahr erscheinen zwei Bücher. Seit der Gründung 2014 sind mittlerweile zehn Bücher erschienen. Sebastian Guggolz betreibt den Verlag als Ein-Mann-Unternehmen. Im Vertrieb setzt der Guggolz Verlag in Deutschland auf die Vertriebsgemeinschaft Büro indiebook, in Österreich und der Schweiz auf unabhängige Verlagsvertreter. Sebastian Guggolz ist mit seinem Verlag mit der Übersetzerbarke 2016 ausgezeichnet worden, außerdem erhielt der Band „Szenen aus Schottland“ von James Leslie Mitchell, übersetzt von Esther Kinsky, 2016 den Melusine-Huss-Preis der Hotlist. 2017 geht der mit 5000 Euro dotierte Förderpreis zum Kurt-Wolff-Preis an den Guggolz Verlag.

Foto: Juliane Eirich

 


 

Die Hotlist – Preis und Preisträger

Eine Gruppe unabhängiger Verlage nutzte 2009 die Aufmerksamkeit für die Longlist des Deutschen Buchpreises, um eine eigene „Hotlist“ als „Empfehlungen der Independents“ herauszugeben und hat damit auch indirekt die große Zahl etablierter Verlage in der Auswahl zum Deutschen Buchpreis kritisiert. Der mit 5000 Euro dotierte Preis wird seither jährlich im Rahmen der Frankfurter Buchmesse an das „heißeste Buch des Jahres“ vergeben und setzt bewusst auf Vielfalt: „Lyrik, Prosa, Essays, erzählendes Sachbuch, zeitgenössische oder alte Autoren, deutschsprachige oder übersetzte Titel, das besondere Buch“ werden bei der Wahl berücksichtigt. 

Als zweiter Hotlist-Preis ist 2011 der Melusine-Huss-Preis entstanden, der als Druckgutschein im Wert von 4000 Euro ausgezahlt wird. Während der Hauptpreis durch eine jährlich wechselnde Jury bestimmt wird, können an der Abstimmung des Melusine-Huss-Preises nur Buchhändler teilnehmen. 

Die Preisträger der vergangenen Jahre:

2009: Blumenbar (A. Schimmelbusch „Blut im Wasser“)

2010: Schöffling & Co. (Ulrike Almut Sandig „Flamingos“)

2011: 1. FVA (Nino Haratischwili „Mein sanfter Zwilling“), 2. Stroemfeld (Peter Kurzeck „Vorabend“)

2012: 1. Droschl (Tor Ulven „Dunkelheit am Ende des Tunnels“), 2. Peter Hammer Verlag (Robert Louis Stevenson „Der Pirat und der Apotheker“)

2013: 1. Weidle (Wsewolod Petrow „Die Manon Lescaut von Turdej“), 2. Edition Nautilus (Abbas Khider „Brief in die Auberginenrepublik“)

2014: 1. Lars Müller Publishers (Andri Pol „Menschen am CERN“), 2. Aviva (Lili Grün „Mädchenhimmel!“)

2015: 1. Kookbooks (Monika Rinck „Risiko und Idiotie“), 2. Verbrecher Verlag (Anke Stelling „Bodentiefe Fenster“)

20. März 2017


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