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Autoren, Markt

Thomas Wrensch und Karl von Wendt über Selfpublishing im Buchhandel

„Aufgeschlossene Buchhändler sind in der Minderheit“

Viele Buchhandlungen führen bereits seit Jahren auch Titel von Selfpublishern im Sortiment, hierzu zählt auch die Buchhandlung Graff in Braunschweig. Geschäftsführer Thomas Wrensch diskutiert mit Selbstverleger Karl von Wendt Voraussetzungen und Hindernisse einer Zusammenarbeit von stationärem Buchhandel und Selfpublishing-Autoren.

 

Wie groß ist das Potenzial von Selfpublishing für den stationären Buchhandel?

Karl von Wendt: Zunächst muss man sehen, dass es unterschiedliche Gründe geben kann, ein Buch selbst herauszubringen, statt in einem Verlag. Bei mir spielt eine Rolle, dass ich über Computerspiele schreibe und sich diese bzw. deren Popularität sich so rasant verändern, dass ein Verlag gar nicht so schnell mit einem Buch darauf reagieren könnte, wie ich das mit einem selbst veröffentlichten Titel tun kann. Es gibt aber auch Genres, die für Verlage nicht so interessant sind, es gibt Regionaltitel, die im Selfpublishing besser funktionieren als in einem Verlag. Letztendlich gibt es so viele Gründe für Selfpublishing, die durchaus auch für den Buchhändler Sinn machen, sodass man sagen kann: Da ist auf jeden Fall ein Markt, der wurde früher von den Verlagen nicht abgedeckt und deshalb sollte man auch partizipieren. Das heißt: Das, was meine Leser interessieren könnte, sollte ich da haben oder kurzfristig besorgen können. Das ist ja die ureigenste Aufgabe eines Buchhändlers. 

Thomas Wrensch: Es gibt natürlich ein Potenzial, aber das ist nicht immens groß. In der Regel sind das Titel, die einen regionalen Bezug haben – sei es durch das Thema oder den am Ort lebenden Autor, mit dem man Veranstaltungen durchführen kann – und deren Auflage zu gering ist, als dass sie für Verlage interessant sind. Die große Masse der Selfpublishing-Titel kommt allerdings für uns gar nicht in Frage, z.B. alle Titel, die bei der Amazon-Tochter Create Space erschienen sind. Die werden wir aus dem einfachen Grund nicht verkaufen, weil wir hier keine Rabatte bekommen und damit draufzahlen, wenn wir sie für unsere Kunden besorgen. 

 

Müssen sich bei dem Überangebot an Selfpublishing-Titeln nicht viele Buchhändler überfordert fühlen?

Wendt: Natürlich kann ein Buchhändler nicht immer wissen, was in den Nischen so passiert, aber zumindest kann er sich tiefer informieren, wenn nach Themen gefragt wird, die er nicht im Sortiment vorhält. Er kann außerdem in die Bestsellerlisten der Online-Anbieter wie Amazon schauen und sich fragen, ob das wirklich nur schlecht geschriebene Billigtitel sind oder ob das möglicherweise auch Themen sind, die er mit berücksichtigen sollte.

Wrensch: Ich sehe da grundsätzlich keine Überforderung, wir haben seit Jahren Selfpublishing-Titel vorrätig und führen Veranstaltungen mit den Autoren durch. Allerdings machen Autoren auch einen Fehler, wenn sie sich nicht informieren, wie der traditionelle Buchhandel arbeitet. Wenn sie meinen, der Buchhändler müsste bei Amazon bibliografieren oder im Internet ständig suchen, sind sie auf dem falschen Dampfer. Es gibt das VlB mit über 1 Mio Titeln – das ist das Hauptarbeitsmittel des Buchhändlers – oder die Barsortimentskataloge. Es rechnet sich für den Buchhändler einfach nicht, wenn er noch stundenlang im Internet recherchieren muss. Natürlich versuchen wir für unsere Kunden alles zu finden und gehen auch mal zu Google und Amazon, aber das ist nicht die Regel, denn es verleitet ja Kunden dazu, in Zukunft direkt dort zu bestellen.

 

Ist der Buchhandel prinzipiell aufgeschlossen gegenüber diesen neuen Marktteilnehmern?

Wendt: Die Buchhändler, die sich hier aufgeschlossen zeigen, sind noch in der Minderheit, aber das ist auch nachvollziehbar: Vor nicht allzu langer Zeit war Selfpublishing der letzte Weg für Autoren, die es nicht geschafft haben, und dieses Image haftet dieser Veröffentlichungsform natürlich immer noch an. Die Denkweise ändert sich inzwischen, weil es ja einige Bestseller in diesem Bereich gibt. Und auf der anderen Seite muss man sehen, dass sehr viele SP-Titel qualitativ einfach nicht gut sind, was daran liegt, dass es keine Hürden gibt, selbst ein Buch herauszugeben. Das heißt aber nicht, dass Selfpublishing generell schlecht ist. Orientieren kann man sich hier sehr gut an den Lesern, die über die sozialen Netzwerke die Aufgabe übernehmen, die die Verlage früher ausschließlich hatten, nämlich zu sortieren, was gut und was schlecht ist. Auf diese Weise setzen sich die guten Bücher durch, und man kann sagen: Das, was sich im Selfpublishing gut verkauft, ist in der Regel auch qualitativ in Ordnung. Vielleicht sind Selfpublishing-Titel nicht immer auf dem Level eines angesehenen Verlags, vielleicht sind sie nicht immer auf höchstem Niveau lektoriert, vielleicht auch nicht unbedingt literarisch hochwertig, aber auf jeden Fall für die Leser interessant – und damit letztlich auch für den Buchhandel.

Wrensch: Das sehe ich genauso. Unser Interesse, Bücher zu verkaufen, ist nicht daran gebunden, dass sie in einem Verlag erschienen sind. Es macht es uns leichter, weil wir wissen: Das Buch ist lektoriert und man weiß vom Verlag, was einen erwartet. Aber das schließt nicht aus, dass wir trotzdem mit Selfpublishern zusammenarbeiten. 

 

Welche Herausforderungen oder Hindernisse ergeben sich bei der Kooperation?

Wendt: Da gibt es zunächst ein ganz pragmatisches, logistisches Problem. Als Selfpublisher brauche ich einen Dienstleister, der in der Lage ist, den Buchhandel zu beliefern. Das schafft für mich als Autor zusätzliche Arbeit, zusätzliche Komplexität und die Konditionen sind auch schlechter als bei Amazon, wo das Geschäft offensichtlich subventioniert wird. Insofern ist es für den Selfpublisher zunächst eine Hürde, überhaupt die Möglichkeit der Bestellbarkeit im klassischen Buchhandel zu schaffen. Als Buchhändler muss ich natürlich wissen, dass es diese Titel gibt, und auch bereit sein, danach zu suchen, wenn ein Kunde danach fragt. Ich habe schon erlebt, dass Kunden nach meinen Büchern gefragt haben und der Buchhändler ins nächstbeste Verzeichnis geguckt hat, wo der Titel nicht gelistet war. Das ist natürlich nicht gut, denn damit trage ich die Kunden in die offenen Arme des Online-Buchhandels. Hier steckt also auf beiden Seiten definitiv Arbeit, aber auch die SP-Dienstleister könnten hier noch ein bisschen mehr tun.

Wrensch: Das logistische Problem, wie Herr Wendt es anspricht, sehe ich auch. Am besten für uns zu verarbeiten und am wirtschaftlichsten ist der Vertrieb über den Großhandel. Ganz wichtig ist es aber zunächst, dass die Selfpublisher ihre Titel im VlB verzeichnen, damit sie im Buchhandel überhaupt sichtbar sind und wir die Möglichkeit haben, diese Titel zu identifizieren und sie zu bestellen. Es reicht eben nicht, wenn das Buch im Internet steht oder eine Liste des Verlags irgendwo auftaucht. Oftmals gibt es nicht einmal eine Verlagsadresse und wir müssen erst anfragen, wo wir den Titel herkriegen und wie die Konditionen sind. Ganz klar ist auch: Die Konditionen müssen stimmen. Einige Selfpublisher meinen, dass wir Buchhändler ihn unterstützen und deshalb auch auf Rabatte verzichten müssten. Dafür gibt es aber keinen Grund. Ein Selfpublishing-Titel muss sich für uns rechnen wie jeder andere Titel auch. Und wenn es ein Titel ist, der regional interessant ist, dann sollten auch Vorschläge für gemeinsames Marketing kommen.

 

Tatsächlich ist das Marketing ein großes Problem. Selfpublisher müssen hier in der Regel selbst aktiv werden. Wie kann er den Buchhändler am besten von seinem Produkt überzeugen?

Wendt: Man kann sicher darüber streiten, wie viel ein normaler Verlag hier macht, aber zumindest bringt er dem Buchhändler einen Titel schon mal vertrieblich näher. Hier ist der Autor, der als Selfpublisher auftritt, zunächst im Nachteil. Was allerdings hilft, sind die sozialen Medien: Die meisten Selfpublisher haben sich ihre eigene Fangemeinde aufgebaut und schaffen es über diesen Kanal, das Leserinteresse zu wecken. Meine Erfahrung ist, dass es eher schwierig ist, die einzelnen Buchhandlungen direkt anzusprechen. Da fehlt aus meiner Sicht ein Bindeglied, etwa ein Best-of-Selfpublishing-Service, der Buchhändlern zeigt, was interessant ist und sie auf Titel aufmerksam macht. Momentan ist es einfach so: Als Selfpublisher verkaufe ich weitaus das meiste über Online-Händler. Und wenn das gut funktioniert, ist der Druck, den Buchhandel mit zu informieren und mit viel Aufwand zu beteiligen, nur begrenzt groß.

Wrensch: Wenn der Autor sagt: Es ist wichtig, dass wir bei bei den Online-Händlern in die Bestsellerlisten schauen, dann kann er selbst doch auch mit diesen Zahlen operieren, d.h. alle für uns wertvollen Informationen und Verkaufsargumente kann er bereits vorab zusammenstellen. Er kann dem Buchhändler Lese-Exemplare zur Verfügung stellen, damit er sich ein besseres Bild von dem Titel machen kann. Darüber hinaus ist es auch denkbar, dass sich Selfpublisher, die bereits ein paar Bücher veröffentlicht haben, einen Vertreter suchen, der die Titel im Buchhandel mit anbietet.

 

Müssen sich Selfpublisher stärker professionalisieren? 

Wendt: Wie gesagt, gibt es nach wie vor sehr viele SP-Titel, die qualitativ nicht gut sind, weil die Autoren ihr Handwerk nicht beherrschen. Diese Autoren verstehen dann natürlich auch relativ wenig davon, was ein Lektorat ist oder wie ich ein Buch vermarkte. Beim Großteil der Titel im Selfpublishing passiert also relativ wenig, sowohl auf der schriftstellerischen wie auf der Marketingseite. Diese Titel werden nicht im Buchhandel ankommen, aber auch sonst kaum von den Lesern wahrgenommen. Diejenigen Autoren, die Erfolg haben, die also ein gutes Buch geschrieben haben, das sich über Mund-zu-Mund-Propaganda verbreitet, lernen, dass es sich lohnt, einen Lektor zu beauftragen und einen Grafiker, um einen professionelleren Auftritt hinzubekommen. Diese Professionalisierung findet auf der Autorenseite automatisch statt, weil die Autoren Lust dazu haben und sehen, dass es etwas bringt. Darüber hinaus gibt es inzwischen immer mehr Austausch zwischen den Selfpublishern, es gibt Blogs, die mit Informationen weiterhelfen, und die Dienstleister versuchen natürlich auch, die Selfpublisher immer mehr zu professionalisieren mit Seminaren etc. Auf der Buchhandelsseite ist der Lernbedarf aber momentan noch etwas größer.

Wrensch: Festzuhalten bleibt doch, der Autor möchte, dass wir seine Bücher verkaufen. Also muss er uns überzeugen, dass die Bücher es wert sind. Und wenn er es schafft, dann verkaufen wir sie auch. Für uns heißt das: Die Bücher müssen eine optische, haptische und inhaltliche Qualität mitbringen. Und: Nicht wir müssen das gesamte Angebot nach einem guten Titel durchsuchen. Das ist eindeutig die Aufgabe des Selfpublishers, sich gut zu verkaufen.

11. Juli 2015


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