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Bücher

Rezensiert: „Berge, Quallen“ von Gomes / Thermann

Eine unendliche Geschichte von der Marderheide bis nach Mexiko

Wer ist die Frau im roten Kleid und wie ist sie hier gelandet? Wer sind die drei Männer, deren Namen immer wieder auftauchen? Welche Rolle spielen das Kartell und der Lurch in der ganzen Geschichte? Liegt Mexiko in Polen oder Polen in Italien? Gomes / Thermanns experimenteller Roman „Berge, Quallen“ liefert nur Antworten, um neue Fragen aufzuwerfen. 


Das Autorenduo nimmt den Leser mit auf eine Reise durch Raum und Zeit, die immer wieder durch Unorte und schwarze Löcher durchbrochen sind. Am Ende bleibt alles offen, und das ist gut so.

Die beiden Autoren Mario Gomes und Jochen Thermann haben sich der Literatur verschrieben und sind selbst beileibe keine unbeschriebenen Blätter. Seit 2007 mischen sie die Berliner Literaturszene auf und machen nicht nur dort Furore. Für die Arbeit am Roman „Berge, Quallen“ erhielten die Autoren ein Arbeits- und Recherchestipendium des Berliner Senats. Erschienen ist der Roman im September 2016 im Zürcher Diaphanes Verlag für Literatur, zeitgenössische Philosophie, Wissenschaft und Kunst.

Bei Diaphanes ist Gomes / Thermanns Mammutwerk in der Tat gut aufgehoben, ist doch der Roman selbst ein Konglomerat aus Fotografie, Film, philosophischen Waghalsigkeiten und wissenschaftlichen Extravaganzen. Ein Mammutwerk ist es nicht wegen tausender vollgeschriebener Seiten, sondern wegen der Dichte und der Unmöglichkeit des Versuchs.

Inhaltlich gesehen, was das Figurenpersonal, die miteinander verwobenen Handlungsstränge, die verrückten Handlungsorte und den abseitigen Humor angeht, erinnert „Berge, Quallen“ bisweilen an Roberto Bolaños Romane. Was Aufbau und Struktur angeht, lassen sich Parallelen zu Cortázars „Rayuela“ entdecken. Obwohl Gomes und Thermann ihrem Roman keinen Wegweiser voranstellen, ist es durchaus denkbar, dass es Alternativen zu der üblichen Lesart von Seite 1 bis Ende geben mag. Das Inhaltsverzeichnis im Anhang, das die einzelnen Stationen und Daten wiedergibt, könnte durchaus als Anleitung verstanden werden. 

Wiederkehrende Motive und Elemente des Romans sind die Staatsqualle und ein fiktives Buch namens „The Worlds Within“, dem zufolge Mispeln eine Welt wie die unsere enthalten und sich diese somit bis in die Unendlichkeit wiederholt. Beide Motive fungieren als Schlüssel zum Verständnis des Romans, in dem sich Geschichten doppeln und, leicht verändert, an einem anderen Ort wiederholt werden. Namen tauchen an anderer Stelle wieder auf, ob durch Verwandtschaft weitergegeben oder in eine andere Sprache übersetzt. Situationen verlaufen parallel. 

Gomes / Thermanns Roman ist ein harter Brocken. Schnell verliert sich jede Spur, doch irgendwie findet man beim Lesen doch wieder auf einen Weg zurück. Ob es nun der richtige Weg ist? Egal. Mit „Berge, Quallen“ gelingt es den beiden Autoren auf jeden Fall, Literatur leben zu lassen. Denn am lebendigsten ist sie dann, wenn sie Utopien entwirft, wenn sie Möglichkeiten erkundet, ohne naheliegende Antworten auf überflüssige Fragen zu geben. 

Gomes / Thermann: Berge, Quallen, 312 Seiten, 22,95 €, gebunden (auch als E-Book verfügbar), Diaphanes, ISBN-10: 3037348976, ISBN-13: 978-3037348970

Renata Britvec, Opens external link in new windowlektoratur.de

18. November 2016


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