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Bücher

Rezensiert: „Humboldtstraße Zwei“ von Harald Gesterkamp

Unsere Heimat gibt es nicht mehr

Von Schlesien, 1934, bis Westdeutschland, 2014: Eine schlesische Familie wird aus ihrer Heimat vertrieben. Ein Familienmitglied nach dem anderen muss die Stadt verlassen und wagt in Westdeutschland einen neuen Anfang. Offene Fragen werden von Generation zu Generation weitergegeben und sorgen für Konflikte. Mit „Humboldtstraße Zwei“ ist Harald Gesterkamp ein beeindruckendes Generationenporträt gelungen.

 

Harald Gesterkamp entwirft in seinem Roman eine nicht nur glaubhafte, sondern auch berührende Familiengeschichte. Gut recherchiert und hervorragend aufgebaut, mit lebensnahen Figuren und nachvollziehbaren Konflikten ausgestattet, weist der Roman über sich selbst hinaus. Einziges Manko: In zwei aus dem Rahmen fallenden Kapiteln widmet sich Gesterkamp einem jüdischen Bekannten der Familie und dessen Sohn. Diese Kapitel scheinen auch eine jüdische Perspektive durchleuchten zu wollen, stehen aber in keinem Verhältnis zum sonst umfassenden und dichten Familienporträt. Sie sind zu kurz, um das Schicksal einer weiteren Familie glaubhaft zu verhandeln, weshalb der Autor gut daran getan hätte, sie zu streichen.

 

Zu den zentralen Themen des Romans gehören nicht nur Vertreibung und Flucht. Auch der Neuanfang an einem fremden Ort, die Gewissensfrage bezüglich der Machenschaften der Nazis, scheinbar unerklärliche Angstgefühle und die Sorge um alternde Eltern behandelt Gesterkamp geschickt im Rahmen verschiedener, dicht miteinander verwobener Handlungsstränge und auf unterschiedlichen zeitlichen Ebenen. 

 

Was fühlen Menschen, die ihre Heimat für immer hinter sich lassen müssen? Was passiert, wenn man keine Chance mehr hat, als vor Bomben, marodierenden Soldaten, Hunger und Vergewaltigung zu fliehen? Was geht in einem Menschen vor, der bei fremden Familien in fremden Städten unterkommen muss, da es für ihn keinen anderen Ort auf der Welt gibt? Welche Demütigung erfährt jemand, der in seiner alten Heimat einen guten Beruf und einen hervorragenden Leumund hatte, nach der Flucht jedoch als Parasit beschimpft wird? Auch die Frage, warum ein Großteil der Deutschen nach dem Krieg behauptet hat, nichts von Hitlers Machenschaften gewusst zu haben, wird eindringlich durchleuchtet. 

 

Gerade zwischen den Kriegs- und Nachkriegsgenerationen sorgt diese Frage immer wieder für schier unlösbare Konflikte. Kann man den Eltern und Großeltern glauben, dass sie nichts wussten oder sich zumindest nicht wehren konnten? Menschen, die den Zweiten Weltkrieg, Vertreibung und Flucht unmittelbar erlebt haben, wird es bald nicht mehr geben. Sie werden sterben, ohne vielleicht auf wichtige Fragen geantwortet zu haben. Die Folgegenerationen werden dennoch nach Antworten suchen und sich selbst befragen müssen, und zwar nicht nur angesichts der Vergangenheit, sondern auch und vor allem in Hinblick auf aktuelle Ereignisse und die politische Atmosphäre in Europa und der Welt.

Renata Britvec, Lektoratur


Harald Gesterkamp: Humboldtstraße Zwei, 468 Seiten, 19,99 Euro (Taschenbuch, auch als E-Book erhältlich), Tredition, ISBN 978-3734536588 

 

 

24. Januar 2017


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