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Rezensiert: "Whiteout" von Anne von Canal

Wenn der Horizont verschwindet

Nach ihrem erfolgreichen Erstling “Der Grund“ legt Anne von Canal mit „Whiteout“ wieder einen einfühlsamen Roman der leisen Töne vor. "Whiteout" bezeichnet ein meteorologisches Phänomen, bei welchem Schnee und Nebel den Horizont verwischen und eine Orientierung kaum möglich machen. Nur mühsam kann der Mensch sich hier zurechtfinden - so wie Anne von Canals Hauptfigur Hanna, die in einer Ausnahmesituation eine erschütternde Nachricht erhält.


Hanna befindet sich als Leiterin einer Expedition in der Antarktis. Hier möchten sie und vier weitere Wissenschaftler durch Kernbohrungen im tiefen Eis Rückschlüsse über das vergangene, gegenwärtige und zukünftige Klima bekommen. Dafür dringen sie zu Luftblasen vor, die sich seit Millionen von Jahren unter einer bis zu vier Kilometer dicken Eisschicht befinden. Ein gewagtes Experiment in einer faszinierenden, aber unwirtlichen und unberechenbaren Gegend.

Schon seit Kindertagen ist die Beschäftigung mit dem Eis für Hanna ein zentrales Thema. Seit sie mit ihrem Bruder Jan und der gemeinsamen Freundin Fido davon geträumt hat, später als Forscherin zu arbeiten und einmal zusammen an den Südpol zu reisen. Doch Fido ist tot, wie eine plötzlich eintreffende Mail ihres Bruders Hanna klarmacht. Und die letzte Begegnung mit ihr liegt mehr als zwanzig Jahre zurück. Fido ist damals von einem Moment auf den anderen verschwunden und hat nie mehr von sich hören lassen. So sind zwanzig Jahre vergangen, in denen Hanna versucht hat, ihre Freundin zu vergessen.

Doch jetzt kommen die Erinnerungen zurück. Und Hanna wird in dieser Ausnahmesituation auf ihrer Forschungsstation im Eis dazu gezwungen, sich mit sich selbst und den Dingen zu beschäftigen, die sie zu Hause so leicht wegsperren konnte. Was mag Fido, der Tochter aus dem Pfarrerhaushalt mit der gefühlskalten Mutter und dem strenggläubigen Vater, geschehen sein? Und, mindestens ebenso drängend: Warum hat sie sich damals ohne ein Wort aus dem Staub gemacht?

Anne von Canal erzählt nun in Rückblenden die Kindheitsgeschichten der Freundinnen: Es sind die 70er und 80er Jahre, die Kinder vertreiben sich die Zeit mit Hörspielen, schauen abends beim Nachbarn „Was bin ich?" und schwänzen im eiskalten Winter die Schule, um mit den Schlittschuhen Runden auf dem zugefrorenen See zu drehen. Stimmungsvolle Bilder, die dem Leser verdeutlichen, in welch wichtiger Lebensspanne die Freundinnen einander trafen und welch elementare Bedeutung ihre gemeinsame Entwicklung hatte.

Antworten auf Ihre Fragen nach dem Warum? wird Hanna nicht bekommen. Aber sie hat die Chance, sich in der Weite des Eises am Ende der Welt endlich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Dabei wird ihr klar, dass ihre Geschichte mit Fido nicht die gleiche gewesen sein muss wie Fidos Geschichte mit ihr. Ihre Erinnerungen sind (wie alles zwischenmenschliche Agieren) subjektiv und können die Vergangenheit nur einseitig beleuchten. In der Rückschau der gemeinsamen Kindheit kommt Hanna ihrer früheren Freundin endlich näher.

Das liest sich spannend wie ein Krimi, zumal Hannas innerer Zustand dabei immer mehr dem äußeren entspricht: Bei den Bohrungen treten Komplikationen auf und ein Sturm stellt das fünfköpfige Glaziologen-Team auf die Probe. Als dann auch noch der Generator ausfällt, scheint die Katastrophe gekommen. Wie die Wissenschaftler fiebert man als Leser mit, ob es gelingt, die Expedition zu einem guten Ende zu führen.

"Whiteout" ist ein atmosphärisch dichtes, noch lange nachklingendes Buch über Verlust und Trauer, über den Abschied von der Kindheit und einen zarten Neuanfang. Mit klaren Worten schafft Anne von Canal es, ihre Leser zu berühren und mitzunehmen auf diese dramatische Reise ins ewige Eis und in das Seelenleben ihrer Protagonistin.

Anne von Canal: Whiteout, mareverlag, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 192 Seiten, 20.- €, ISBN 978-3-86648-247-0

Julia Kortenjann

 

 

13. November 2017


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