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Markt

Serie mit Prognosen zur Marktentwicklung: Tom van Endert

Wohin entwickelt sich der Selfpublishing-Markt, Tom van Endert?

Kaum ein Segment der Branche ist zuletzt so rasant gewachsen wie Selfpublishing. Das hohe Tempo macht Prognosen zur Entwicklung des Teilmarktes schwierig. Dennoch wagen Experten einen Ausblick bis ins Jahr 2020. Diesmal: Tom van Endert, Geschäftsführer Monsenstein und Vannerdat.

 

Wenn wir einen Blick in die Zukunft werfen und die Trends der kommenden Jahre erkennen könnten, dann wären wir bereits reich. Um die Zukunft zu verstehen, kann man aber in die Vergangenheit blicken. Nur, früher sprach keiner von Selfpublishing, da hatte das Kind noch andere Namen wie Eigenverlag oder Print on Demand, die Technik, die das Selbstverlegen erst bezahlbar gemacht hat. Print on Demand war also ein Meilenstein. Und dann kam das E-Book und mit ihm noch preiswertere, mitunter sogar kostenlose Möglichkeiten, direkt und einfach zu veröffentlichen. Wieder ein Meilenstein. Für die kommenden fünf Jahre ist ganz sicher keine neue Technik-Revolution zu erwarten, also auch kein weiterer Meilenstein. Aber ganz sicher werden sich die Optionen, die wir heute zur Veröffentlichung auf eigene Faust haben, verbessern. Und ganz sicher wird sich der derzeitige Wirbel beruhigen, die Aufmerksamkeit aber wird bleiben. Als sich in den 80er-Jahren die Independent Music als Unabhängigkeitsbewegung gegen die industrielle Vermarktung der Popkultur etablierte und alle sich nur noch als Indie bezeichneten, da passierte das Gleiche wie heute in der Buchbranche, mit den gleichen Begriffen! Mittlerweile sind 30 Jahre vergangen und kein Mensch spricht mehr von einer Revolution. Das Label Independent ist ein Teil der Kulturindustrie geworden. Aber man hat viel dazugelernt und einen Weg gefunden, miteinander zu leben. 

Derzeit öffnen sich die Verlage und gründen eine Selfpublishing-Plattform nach der anderen. Um Bestseller abzuschöpfen? Nein, Sie haben erkannt, dass man hier Geld verdienen kann. Sie lernen dadurch aber auch, zuzuhören und Trends zu erkennen, die sich in einer unabhängigen Szene entwickeln und durchaus ein Publikum finden. 

Ein zweiter wichtiger Punkt, über den schon heute alle Beteiligten sprechen: Die Professionalisierung. Bereits zu Zeiten des Print on Demand hat sich gezeigt, dass die Angst vor einer Überschwemmung des Buchmarkts mit Müll unbegründet ist, denn letztendlich entscheidet der Leser, was gut ist und was nicht. Das wissen heute die meisten Selfpublisher und nehmen Geld in die Hand, um ein gutes Handwerk abzuliefern. Das wird in Zukunft weit wichtiger werden, denn man muss sich auch als Selfpublisher von der Masse abheben – nicht nur von den Publikationen großer Verlage, sondern gerade auch von seinen Mitstreitern. 

Vielleicht wird es zwei Lager geben. Selfpublisher, die möglichst kostenlos veröffentlichen möchten und Autoren – ich grenze diese jetzt mal ganz bewusst begrifflich ab –, die wie ein Unternehmer (und das sind sie als Selbstverleger ja auch) denken und Qualität liefern möchten.

Wie auch damals in der Musikbranche könnten sich solche Profi-Indies stärker zusammentun, eigene Labels gründen und mit vereinter Kraft und Know-how das tun, was klassische Verlage schon seit Jahren tun – nur eben unabhängig. Aber ganz sicher wird das Selfpublishing nicht den klassischen Verlag ablösen, so wie auch das E-Book das gedruckte Buch nicht abgelöst, sondern in hybrider Form zu einer gegenseitigen Aufwertung geführt hat. Nur der Buchhandel, der muss Konzepte entwickeln, um sich diesem wachsenden Markt zu öffnen, der sich derzeit auf Vertriebswege konzentrieren muss, die ohne Buchhandel auskommen. Dabei wollen wir doch alle, dass unser Buch auch beim Händler um die Ecke willkommen ist.

12. Januar 2016


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