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Markt

Johannes Monse zur Insolvenz von Monsenstein und Vannerdat

„Wir können nicht alle Schlachten gleichzeitig schlagen“

Monsenstein und Vannerdat ist das Geld ausgegangen. Wie konnte es passieren, dass ausgerechnet einer der Selfpublishing-Pioniere inmitten eines Booms der Branche in die Krise rutschte? Geschäftsführer Johannes Monse im Interview.

 


Für Ihre Autoren dürfte die Nachricht zur Insolvenz überraschend kommen. Was ist passiert?

Leider kommt die Nachricht nicht nur für unsere Autoren überraschend. Wir hatten lange und berechtigterweise gehofft, mit frischem Kapital unsere derzeitig laufende Neuausrichtung im Markt umsetzen zu können, aber leider haben sich recht kurzfristig einige Lösungswege zerschlagen. Wenn dann noch statt der in der Planung stehenden Zahlungen durch die VG-Wort hohe fünfstellige Rückzahlungen anfallen, dann wird die Luft sehr schnell sehr eng. Und plötzlich kann man nach fast 20 Jahren seine Lieferanten - und auch seine Autoren - nicht mehr bezahlen. Das ist sehr bitter. Für alle.

Der Selfpublishing-Sektor boomt seit Jahren. Immer mehr Firmen steigen in das Segment ein. Warum gelingt es einem Urgestein wie Monsenstein und Vannerdat nicht, am Wachstum entsprechend zu partizipieren?

Und der Boom ist ja keinesfalls am Ende. Das ist die besondere Ironie, dass wir als einer der Pioniere auf der Strecke bleiben, während der Markt explodiert. Es ist natürlich eine Verkettung von Umständen, die uns in die jetzige Schieflage gebracht hat, aber der massiv gewachsene Druck auf dem Markt ist für kleinere Akteure wie uns natürlich ungleich schwerer auszuhalten, als für Unternehmen, die mit starker Mutter im Hintergrund an den Start gehen. 

Rund 4500 Titel hat Monsenstein und Vannerdat bislang publiziert.

Was fehlt Ihnen im Wettbewerb besonders mit großen, in Konzernen beheimateten Akteuren?

Zunächst einmal die Puste. Strategische Markteintritte durch Konzerne bedeuten ja in den seltensten Fällen, dass der jeweilige Vorstand davon ausgeht, hier gleich eine Profit-Unit in den Ring geworfen zu haben. Während unsere Mitbewerber also mit hochverlockenden Angeboten auf die Jagd nach Marktanteilen gehen, müssen wir an jedem Monatsersten unsere 30 Angestellten bezahlen. Zudem sind wir ein organisch gewachsenes Familienunternehmen. Wir haben nicht die Möglichkeit, mal eben für teures Geld eine Plattform aufzustellen oder eine marktumfassende Werbekampagne in einem Umfang zu realisieren, wie unsere Mitbewerber dies sehr wohl können.

Die Großen auf dem Markt haben natürlich auch ein anderes Markenimage. Ob Amazon, Tolino, BoD als Libri-Tochter oder Holtzbrinck - hier bewegen wir uns zwischen Größen, die dem Autor, also dem Kunden, natürlich etwas sagen. Das ist ein Riesenvorteil. Wir sind hier schlicht und ergreifend zu klein. Uns kennt man oft nicht.

Wo sehen Sie demgegenüber Ihre Stärken?

Wir sind ganz klar der Premiumanbieter auf dem Markt. Kein anderer Anbieter auf dem Markt bietet die Variabilität bei Dienstleistungen und Produkten im eigenen Haus an, wie wir dies seit Jahren tun. Es ist ein auf dem Markt einzigartiges Portfolio in sehr hoher Qualität, das sich hin zu unseren physischen Produkten, also den Büchern, fortsetzt. Wer sonst auf dem Markt bietet Klappenbroschur und Halbleinenbindung als Standard an? Ganz abgesehen von Leistungsmerkmalen wie unsere auf dem Markt einzigartige Nachhaltigkeit.

Während viele unserer Mitbewerber eher auf onlinebasiertes „click-to-publish“ setzen, nehmen wir Autoren auf Wunsch an die Hand, können vom handgeschriebenen Manuskript bis zum fadengehefteten Ledereinband alles für den Auftraggeber aus einer Hand realisieren. 

Das Unternehmen hat in den letzten Jahren stark investiert. Wieso hat sich das nicht ausgezahlt?

Wir hätten wahrscheinlich einfach mehr Zeit benötigt. Ein kleines Unternehmen, welches sehr sorgsam zu investieren versucht, kann nicht alle Schlachten gleichzeitig schlagen. Nach dem großen Erfolg mit Nele Neuhaus’ „Unter Haien“ dachten wir „Jetzt nur nicht den Nautilus-Effekt!“ und haben uns eine Strategie überlegt, wie wir in diesem sich so rasant wandelndem Markt überleben können. Also haben wir die Gewinne vollumfänglich und strategisch investiert.

Wir haben einen sechsstelligen Betrag in eine hocheffiziente Verlagssoftware zur Kostenoptimierung gesteckt, haben neue Produkte wie die Colibri-Autorenedition ersonnen und viel Geld für Marketing ausgegeben. Unsere Druckerei haben wir erweitert und ebenso die Buchbinderei. Das Ziel war eine moderate Umsatzsteigerung von 15 bis 20% bei einer gleichzeitigen langsamen aber stetigen Verlagerung hin zu einer vollkommen anderen, aber hochinteressanten Kundengruppe. Wir wollten diejenigen ansprechen, denen die Angebote unserer Mitbewerber nicht ausreichen. Menschen, die weniger technikaffin sind und sich deshalb eine umfassendere Betreuung wünschen oder die einfach keine Lust haben, sich mit Dingen neben dem Schreiben zu beschäftigen. Wir sind der Überzeugung, dass wir nur als Premiumanbieter auf einem von Null-Euro-Angeboten dominierten Selfpublishing-Markt bestehen können. Autoren, die vorrangig nach dem Preis schauen und die dahinterstehenden Leistungen nicht so sehr in Betracht nehmen oder schlichtweg nicht brauchen, sind ja auch bei Amazon oder Tolino hervorragend aufgehoben. Uns war klar, dass wir in dieser Zielgruppe auf Dauer wenig Chancen haben.

Aber solche Änderungen brauchen Zeit und kosten Geld. Wenn Gelder zudem nicht unbegrenzt vorhanden sind, dann braucht es sogar noch viel mehr Zeit. Und die hatten wir nicht.

Wie schätzen Sie die Perspektive jetzt ein? 

Natürlich hoffen wir darauf, dass wir einen Investor finden, dem wir unseren Wert vermitteln können. Unser Unternehmen ist ja ein vollfunktionsfähiges Konstrukt, mit nahezu 20 Jahren Erfahrung im Selfpublishing. Wir bringen für einen Investor sicherlich hochinteressante Produkte und Assets mit, ob unsere zahlreichen Hochschulverlage, fast 4500 Bücher oder eben die einzigartige Situation, dass wir alles aus einer Hand anbieten, von der Herstellung, über den Kundenservice, bis hin zur Produktion und eigener Verlagsauslieferung mit Barsortimentsanschluss. Uns fehlt ja nur Wasser auf den Mühlen. Gerade für Unternehmen aus der Branche, ob mit hoher Anzahl von Backlisttiteln aus eigenem Haus oder mit vielen Indie-Autoren, könnten wir der ideale Einstieg in den Boom-Sektor „Print“ im Selfpublishing darstellen. E-Book kann jeder - wir auch -, aber das gedruckte Buch ab Auflage eins können in Qualität und Ausstattungsmerkmalen nur wenige so facettenreich anbieten wie wir. Es wäre schön, wenn unser Unternehmen, das wir mit sehr viel Herzblut aufgebaut haben, auch in Zukunft seine Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen könnte. Eine Zerschlagung würde uns natürlich das Herz brechen.

22. Juli 2016


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